"Habe eine Menge mitgenommen": Daniel Thioune im Porträt

Als Sky-Experte analysierte er bis vor Kurzem Spiele, als Jury-Mitglied bewertet er beim NFV Nachhaltigkeit und als Trainer hat er nicht nur sein Aus beim HSV verarbeitet, sondern jüngst auch einen neuen Arbeitgeber gefunden: Daniel Thioune (47) im Porträt.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 28. Januar 2022 im Fußball-Journal Niedersachsen und wurde am 12. Februar aktualisiert.
Als Daniel Thioune an einem Januarmorgen in seinem Münchner Hotel das Badezimmer betritt, bleibt sein Blick auf einem Aufkleber haften. Dieser beinhaltet einen Hinweis, den weltweit Millionen Hotelgäste kennen und in dem darum gebeten wird, aus Umweltgründen die Handtücher mehrfach zu benutzen. „Früher habe ich mich damit eigentlich nie so richtig beschäftigt, doch warum soll ich ein Handtuch, mit dem ich mir die Haare abgetrocknet habe, jeden Tag wechseln? Das mache ich zu Hause ja auch nicht“, sagt der 47-Jährige.
Als Jurymitglied des ersten NFV-Nachhaltigkeitspreises wird er in den nächsten Wochen die eingereichten Vorschläge bewerten und sich dabei auch immer wieder selbst hinterfragen: Wo handle ich nachhaltig, wo lebe ich Nachhaltigkeit? Eine Antwort darauf findet er in seinem Alltag oft in Kleinigkeiten. Sei es, so Thioune, „bei den Handtüchern oder nach welchen Kriterien wir als Familie Nahrungsmittel auswählen. Wir kaufen sehr regional ein und achten zum Beispiel schon darauf, ob unser Apfel aus der Nachbarschaft kommt oder ob er ein paar Tausend Kilometer im Flugzeug zurückgelegt hat.“
Sein Aufenthalt in München resultierte aus seiner damaligen Tätigkeit für Sky. „Eine Partie, zwei Trainer, eine Stunde Zeit“ – so lautet das Motto der Sendung Matchplan, für die er bis vor Kurzem regelmäßig im Einsatz war und die live aus dem Sendezentrum des Pay TV-Senders in Unterföhring am nordöstlichen Stadtrand der bayerischen Landeshauptstadt ausgestrahlt wird. Jeden Donnerstag vor einem Bundesliga-Wochenende „sezieren“ zwei Experten ein Spiel in dessen Vorfeld. Dafür schlüpft jeder für eine Mannschaft in die Rolle des Trainers. Am 20. Januar sind es Daniel Thioune und Imke Wübbenhorst, die sich mit der Partie Borussia Mönchengladbach gegen Union Berlin beschäftigen. Thioune als Trainer der „Eisernen“, Wübbenhorst als Verantwortliche der Fohlen-Elf.
Für seine Rolle hat sich Thioune im Vorfeld der Sendung intensiv mit beiden Mannschaften beschäftigt. Nun präsentiert er seine Gedanken, wie man mit Union die Gladbacher schlagen kann. Zu seinem „Matchplan“ zählt zum Beispiel die Hereinnahme von Sheraldo Becker, der im Spiel zuvor im Pokal gegen die Hertha bis zur 71. Minute auf der Bank gesessen hatte („Wir können Tempo gebrauchen, deshalb muss Becker auf den Platz“). Zwei Tage später wird sein Kollege Urs Fischer tatsächlich Becker von Beginn an bringen, dafür aber nicht, wie von Thioune vorgeschlagen, Andreas Voglsammer draußen lassen, sondern Levin Öztunali.
„Wir befinden uns immer in der Vermutung und natürlich sind unsere Gedanken nicht immer analog mit denen des Kollegen“, sagt Thioune, dem das Format spürbar Freude bereitet. Der Zuschauer erfährt an diesem Abend vieles über beide Teams („Mit Union habe ich die Mannschaft, die die meisten Torabschlüsse nach Kontern hat und mit Gladbach habe ich die Mannschaft, die die meisten Kontertorabschlüsse gegen sich bekommt“) sowie zu Themen wie „Spiel durchs Zentrum“, „Abstoßpressing“ oder „Tiefenabsicherung“. Zudem lernt der Matchplan-Gucker Fachbegriffe. Zum Beispiel das die äußeren Spieler einer Dreierkette in der Trainersprache als Halbverteidiger bezeichnet werden.
„Wir haben uns auf eine Sendung pro Monat verständigt, natürlich unter Vorbehalt“, sagt Thioune über seine Vereinbarung mit Sky. „Unter Vorbehalt“ bedeutet, dass er in dem Moment aus der Expertenriege ausscheidet, in dem er einen neuen Verein übernimmt. Und das ist nun tatsächlich der Fall: Nach der Freistellung von Christian Preußer ist Thioune seit Dienstag neuer Cheftrainer von Zweitligist Fortuna Düsseldorf.
Ende April des vergangenen Jahres saß er für den Hamburger SV gegen den Karlsruher SC zum letzten Mal auf der Trainerbank. Die Partie endete 1:1 und bedeutete für Thioune das Aus. „Ich bin zuvor noch nie in meinem Leben freigestellt worden. Weder als Spieler noch als Trainer. Insofern musste ich damit auch erst mal klarkommen“, sagt Thioune, der für den VfL Osnabrück in der 2. und 3. Liga 170 Spiele (52 Tore) bestritt. Zudem lief er im Profibereich für den VfB Lübeck (2004 Halbfinale im DFB-Pokal gegen Werder Bremen) und für Rot-Weiß Ahlen (2008 Aufstieg in die 2. Liga) auf. Bei den Westfalen, deren Kapitän er zuletzt war, beendete er Ende 2009 mit 35 Jahren seine Karriere.
Anschließend ließ er sich zum Sportfachwirt ausbilden, begann in Vechta ein Studium der Sport- und Erziehungswissenschaften und wurde beim VfL Osnabrück Leiter des Nachwuchsleistungszentrums. Parallel zu dieser Tätigkeit trainierte Thioune überaus erfolgreich die oberen Altersklassen der Lila-Weißen. 2015 führte er die B-Junioren (U 17) des Vereins ebenso in die Bundesliga wie ein Jahr später die A-Junioren. 2016 erwarb er die Fußball-Lehrer-Lizenz.
Als die Drittligamannschaft des VfL schwach startete, wurde Thioune im Oktober 2017 das Kommando übertragen. Er stabilisierte das Team und errang mit dem Tabellensiebzehnten der Vorsaison in der darauffolgenden Spielzeit 2018/19 die Meisterschaft. Die 3. Liga wählte ihn zum „Trainer des Jahres“ und neben der dafür ausgehändigten Trophäe konnte Thioune von der Uni Vechta auch die Urkunde für seinen inzwischen abgeschlossenen Bachelorstudiengang entgegennehmen.
Im ersten Zweitligajahr nach acht Jahren wurde der VfL Osnabrück in der Saison 2019/20 bester Neuling. Mit seiner Arbeit hatte Thioune nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht und gab im Sommer 2020 dem Werben des Hamburger SV nach. Unter dem Mann, der an der Bremer Brücke trotz überschaubarer Mittel aus einem abstiegsbedrohten Drittligisten einen konkurrenzfähigen Zweitligisten geformt hatte, wollte der einstige Dino die lang ersehnte Rückkehr ins deutsche Fußball-Oberhaus schaffen.
Mit fünf Siegen zu Saisonbeginn legten die „Rothosen“ unter Thioune einen Raketenstart hin, punkteten auch danach reichlich, um dann aber wieder in den Winter- und Rückrundenblues der vergangenen Jahre zu verfallen. Dennoch: Schlechter als Platz drei, der zumindest zur Relegation gereicht hätte, standen sie unter Thioune nie. Nach dem 1:1 gegen Karlsruhe, ein Spiel das unbedingt gewonnen werden musste, betrug der Abstand auf den Zweiten Fürth bei noch drei ausstehenden Spielen fünf Punkte. Und von hinten kam Kiel immer näher heran, lag bei drei Spielen weniger nur noch zwei Punkte zurück. Der HSV hatte nur noch theoretische Chancen auf ein Happy-End im Aufstiegsrennen und reagierte branchenüblich.
„Im Fußball liegt eben alles sehr dicht beieinander. Wir haben in Hannover 3:0 geführt und in Aue 3:1. Beide Spiele endeten 3:3. Wären sie anders ausgegangen, würden wir uns vielleicht jetzt über die 1. Bundesliga unterhalten“, sagt Thioune. „In den Schlagzeilen taucht in solchen Fällen oftmals das Wort 'gescheitert' auf. Ich würde aber nicht von einer gescheiterten, sondern eher von einer unerfüllten Mission sprechen.“ Nach seiner Freistellung habe er ein paar Wochen gebraucht, um die Zeit beim HSV aufzuarbeiten.
„Dass wir als Trainerteam nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen und Dinge nicht optimal gelöst haben, liegt auf der Hand“, sagt Thioune und greift, was er gerne macht, auf eine englischsprachige Formulierung zurück. „Do or learn“ (Tun oder lernen) hätte er sich vor seinem Amtsantritt an der Alster gesagt. Deshalb bilanziert er abschließend über das Kapitel HSV: „Ich habe eine Menge mitgenommen. Ich bin fein damit.“ Seine Trainerzukunft sieht Daniel Thioune zunächst einmal in Deutschland - genauer gesagt in Düsseldorf, wo er am Sonntag (13.30 Uhr) im Heimspiel gegen den FC Schalke 04 zum ersten Mal auf der Fortuna-Bank Platz nehmen wird.