Die steile Trainer-Karriere von Sören Hartung - "Plötzlich war ich bei Tuchel"

Seit Julian Nagelsmann mit 28 Jahren zum Bundesliga-Cheftrainer der TSG Hoffenheim befördert wurde, scheint das Alter im Fußball bloß noch eine Zahl zu sein. Das beweist auch die Geschichte von Sören Hartung – sie beweist aber auch, dass jungen Trainern nichts in den Schoß fällt. Innerhalb von sieben Jahren hat sich der 33-Jährige, der aus Alfeld im Landkreis Hildesheim stammt, beim FSV Mainz 05 vom Assistenzcoach der U12-Junioren zum Co-Trainer der Profis hochgearbeitet. Ein Interview über steile Karriereleitern, Vorurteile und seinen Förderer Thomas Tuchel.

Sören, wie landet man als Kreisligaspieler des SV Freden eigentlich beim FSV Mainz 05?

Über ein paar Umwege. Ich habe von 2006 bis 2008 zwei Jahre im Jugendbereich beim SV Darmstadt 98 gearbeitet. Ich hatte in Darmstadt angefangen zu studieren und die Uni lag quasi direkt neben dem Sportplatz – so entstand überhaupt erst der Kontakt. Irgendwann haben wir dann mal ein Testspiel gegen Mainz 05 vereinbart…

…und Ihr habt so hoch gewonnen, dass Du gleich verpflichtet wurdest?

Leider nicht (lacht). Ich habe dem Trainer gesagt, dass wir auch gerne in Mainz spielen könnten. Hinterher fragte er mich dann, warum wir nicht in Darmstadt gespielt hätten. Ich erzählte ihm also, dass ich zwar für den SV Darmstadt arbeite, aber schon in Mainz wohne, weil ich inzwischen meinen Studiengang gewechselt hatte und eigentlich nur noch für das Training nach Darmstadt gefahren bin. Rückblickend muss ich sagen, dass ich in dem Moment großes Glück hatte. Der Mann war nicht nur Trainer bei Mainz 05, sondern auch der sportliche Leiter für den unteren U-Bereich. Er meinte schließlich, ich solle mich einfach mal melden, wenn ich Interesse an einer Trainerstelle hätte. Am Ende der Saison war ich bei Mainz 05.

Du hast als Co-Trainer der U12-Mannschaft angefangen. Sieben Jahre später wurdest Du schon Co-Trainer der Profis. Wie ging das so schnell?

Der Türöffner war wohl, dass ich nach nur einem halben Jahr bei der U12 plötzlich zur Winterpause als Co-Trainer zur U19 von Thomas Tuchel kam. Nach unserer ersten Saison, in der wir auch noch sensationell Deutscher Meister wurden, wurde er in der Sommerpause Cheftrainer bei den Profis. Ich bin daraufhin kurz Interimstrainer gewesen und war danach noch zweieinhalb Jahre als Co-Trainer unter Stefan Sartori dabei. Danach habe ich mit der U16 meine erste Mannschaft als Cheftrainer bekommen. Nach zwei Jahren habe ich dann nochmal als Co-Trainer bei der U19 gearbeitet und parallel meinen Fußballlehrer gemacht. Es folgte ein Jahr bei der U15, und seit eineinhalb Jahren bin ich nun bei den Profis. Tja, das ist wohl typisch Mainz 05 (lacht)…

Gerade der Sprung von der U12 zur U19 nach nur sechs Monaten hört sich anspruchsvoll an. Wie erging es Dir dabei?

Am Anfang habe ich mich tatsächlich darauf konzentriert, möglichst wenig im Weg rumzustehen. Es war der erste Anknüpfungspunkt zu den Profis - da war natürlich sehr viel Respekt und Demut dabei. Aber Thomas Tuchel war da sehr offen, er hat mich nicht nur Hütchen aufstellen lassen, sondern mir auch Verantwortung übertragen. Das war sehr viel Input in kurzer Zeit, aber es hat mich extrem weitergebracht.

Die U19 von Mainz war damals auch nicht irgendeine Mannschaft…

Das stimmt. André Schürrle war dabei, Jan Kirchhoff, Stefan Bell, Shawn Parker, Christian Mathenia - die Jungs sind nicht umsonst Deutscher Meister geworden. Aber die Truppe hatte nicht nur Talent, sondern auch eine sehr ausgeprägte Mentalität. Da ist jeder für den anderen gerannt.

Ist Mainz 05 der perfekte Klub für einen jungen Trainer?

Ich denke schon. Für mich kann ich das auf jeden Fall sagen. Wenn man sich nur mal die letzten Jahre anschaut, sind die Trainer hier immer aus den eigenen Reihen gekommen. Jürgen Klopp, Jürgen Kramny, Martin Schmidt – das sind ja nur einige Beispiele. Ich persönlich hatte aber auch das Glück, dass zu meiner Anfangszeit das Nachwuchsleistungszentrum extrem schnell gewachsen ist. Als ich angefangen habe, saß ich mit Thomas noch in einem Baucontainer, in dem im Winter das Wasser nicht floss, weil es in den Leitungen eingefroren war. Und wenn das ganze NLZ-Konstrukt schon damals gefestigt gewesen wäre, hätte ich vielleicht auch niemals so schnell eine Anstellung bekommen. Vielleicht gar keine…

Heute arbeitest Du bei den Profis, die in der Europa League spielen. Wie sieht die Aufgabenverteilung im Trainerteam aus – und welche Rolle nimmst Du ein?

Martin Schmidt ist der klare Chef, Peter Perchtold der Co-Trainer und ich arbeite als Analyst und zweiter Co-Trainer. Zu meinen Aufgaben gehören das Gegnerscouting, die Trainingsplanung und -dokumentation  sowie die Videoanalyse. Ich bin täglich bei der Platzarbeit dabei und bei den Spielen in der zweiten Halbzeit immer auch auf der Bank. Die erste Halbzeit verfolge ich vorher immer auf der Tribüne, um ein besseres Bild zu bekommen. Wichtige Szenen bereite ich dort als Videomaterial für die Halbzeitpause auf.

Die Zeit dafür ist knapp.

Das stimmt. Wir haben aber die Möglichkeit, das Fernsehbild fast in Echtzeit auf den Laptop zu kriegen, beziehungsweise noch ein größeres Bild, das das komplette Spielfeld abdeckt. Das ermöglicht es mir, während des Spiels direkt wichtige Szenen zu schneiden. Zwei Minuten vor der Halbzeit gehe ich dann mit dem Laptop runter in die Kabine und zeige dem Trainerteam die vorbereiteten Szenen. Wir schauen in jede kurz rein und entscheiden dann, ob wir davon was zeigen und wenn ja was. In der Regel ist es aber maximal eine Szene pro Spiel.

Worauf achtest Du, nach was für Szenen suchst Du während eines Spiels?

Das kann alles sein. Grob geht es aber eigentlich immer um unseren Plan im Spielaufbau und im Pressing und die Frage, wie der Gegner darauf reagiert und sich taktisch verhält. Oder darum, was der Gegner besonders gut und besonders schlecht macht – darauf lohnt es sich natürlich immer einzugehen. Manchmal kann eine Szene aber auch nur zum Bekräftigen da sein, also um der Mannschaft zu zeigen: Das war gut, bitte mehr davon und konsequenter!

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit bei den Profis mit der im Nachwuchsleistungszentrum?

In erster Linie ist es natürlich ein anderer Zeitaufwand. Die Umfänge sind größer, die zeitlichen Abläufe genauer. Die Trainingsvorbereitung dauert dann nicht 30 Minuten, sondern vielleicht eine Stunde, weil wirklich jede Größe des Feldes überdacht wird. Das ist im Nachwuchsbereich eher weniger ausgeprägt. Und natürlich hat das Spielergebnis bei den Profis noch eine andere Wertigkeit als im U-Bereich, wodurch die Trainingsinhalte viel stärker auf den nächsten Gegner ausgerichtet werden. In der Arbeit mit Junioren geht es eher um die nachhaltige Ausbildung, weniger um das reine Ergebnis, auch wenn die Jungs natürlich lernen müssen, Spiele zu gewinnen.

Du warst 29 Jahre alt als Du Deine Fußballlehrer-Lizenz gemacht hast. Da gab es noch keinen Julian Nagelsmann in der Bundesliga. Hat man damals noch anders auf junge Trainer geschaut?

Im Lehrgang selbst nicht. Dafür hat man auch einfach zu lange miteinander zu tun. Da geht es nicht ums Alter. In der externen Darstellung wird einem aber natürlich schon mal gerne die Erfahrung abgesprochen, aber das sinkt auch immer mehr. Die Zeiten, in denen es heißt, dass ein Bundesligatrainer mindestens 40 Jahre alt sein muss oder so, sind vorbei. Ich erinnere mich aber noch gut, als Thomas Tuchel mit 36 Jahren Cheftrainer in Mainz wurde. Sein Alter wurde damals schon noch sehr kritisch gesehen.

Welchen Ratschlag würdest Du einem jungen Trainer geben, der noch ganz am Anfang steht, aber von der Bundesliga träumt?

Das Wichtigste ist glaube ich, extrem interessiert zu sein, sich selber aber auch immer wieder auszuprobieren und sich nicht davor zu scheuen, etwas Neues zu machen. Gleichzeitig sollte man sich aber auch immer wieder hinterfragen: War das jetzt gut, war das nicht gut? Woran hat es gelegen? Was kann ich besser machen? Und von der Theorie her, ist es natürlich entscheidend, die Lehrgänge und Lizenzen der Verbände zu machen. Je höher es nachher geht, desto mehr gehören sie zur Grundlage. Am Ende ist es aber nicht nur der Schein, den man da macht, sondern man trifft sich mit Gleichgesinnten und hört viele neue Ideen. Das hat mich immer am meisten gepusht.

Lässt es Deine Zeit eigentlich noch zu, auch noch mal in der Heimat im Landkreis Hildesheim vorbeizuschauen?

Meine Mutter beschwert sich schon immer, dass ich zu selten da bin. Aber wenn es die Zeit irgendwie zulässt, versuche ich das schon. Ich habe auch noch meinen Spielerpass beim SV Freden. Das letzte Saisonspiel der letzten Saison bin ich sogar nochmal bei der Alten Herren über den Platz geschlurft.


Autor: Dominic Rahe