Distelrath: "Stolz auf Bibi"

02.10.2020

Zum Abschluss schrieb sie noch einmal Geschichte: Als erste Frau leitete Bibiana Steinhaus am Mittwochabend das deutsche Supercup-Endspiel, in dem in diesem Jahr Bayern München die Gäste von Borussia Dortmund mit 3:2 bezwang. Stunden zuvor war bekannt geworden, dass die Niedersächsin mit dem Auftritt in der Allianz-Arena ihre an Höhepunkten reich gespickte Karriere beenden wird. 25 Fouls, eine Gelbe Karte, keine Fehlentscheidung und im Fachblatt „kicker-Sportmagazin“ die  Note 2,5: So lautete die Bilanz von „Bibis“ finalem Auftritt nach 21 Jahren Leistungssport.

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012, drei Weltmeisterschaften (2011, 2015, 2019), drei Europameisterschaften (2009, 2013, 2017), vier Mal die Wahl zur Weltschiedsrichterin des Jahres und sechs Mal zur Deutschlands Schiedsrichterin Nr. 1, dazu die erste Frau, die ab 2017 in Deutschlands höchster Männerspielklasse Spiele leiten durfte: Die 41-Jährige hat alles erreicht, was sich ein Spitzensportlerin nur wünschen kann.

„Der deutsche Fußball verliert mit Bibiana Steinhaus eine Schiedsrichterin, die sich weltweit allerhöchsten Respekt und Wertschätzung erworben hat“, erklärte NFV-Präsident Günter Distelrath. Es erfülle die niedersächsische Fußballfamilie mit großem Stolz, dass die gebürtige Bad Lauterbergerin aus ihren Reihen hervorgegangen ist. In einem persönlichen Schreiben dankte Distelrath der mittlerweile in Langenhagen beheimateten Polizeihauptkommissarin auch dafür, dass sie sich immer wieder für Projekte zur Verfügung stellt, die die Werte des Fußballs widerspiegeln. So engagierte sich Steinhaus in den NFV-Projekten „Anpfiff fürs Lesen“, durch das Jungen und Mädchen der 3. und 4. Klasse über den Fußball an das Lesen herangeführt werden sollen, sowie „Spielend mittendrin“. Dieses Projekt richtete sich an Mädchen mit Migrationshintergrund. Seit 2010 sitzt Bibiana Steinhaus als Vertreterin des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres und Sport zudem in der NFV-Kommission Vielfalt. 

„Hertha und Werder spielen unentschieden. Bedeutsamer für die Bundesligageschichte ist aber die gute Leistung von Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus bei ihrer Premiere in der Erstklassigkeit.“ So kommentierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) die erste Spielleitung einer Frau in der Männer-Bundesliga am 10. September 2017 und titelte: „Und die Siegerin heißt Bibiana Steinhaus.“

Vier Wochen zuvor hatte sie ebenfalls bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, als sie mit der ihr eigenen klugen und charmanten Art und Weise einen möglichen Fußballskandal erst gar nicht aufkommen ließ. Im DFB-Pokalspiel zwischen dem Chemnitzer FC und dem FC Bayern (0:5) tat Franck Ribery so, als ob er sich den Ball zum Freistoß zurechtlegen würde. Bevor er dann aber den Ball trat, zog er zunächst der Schiedsrichterin den Schnürsenkel auf. Steinhaus schmunzelte, verpasste dem Franzosen einen Knuff und ließ den Freistoß ausführen.

„Ich habe es als Willkommensgeste empfunden. Sie war nicht despektierlich, wird sich aber auch nicht wiederholen. Da waren wir uns einig“, kommentierte sie die Szene fünf Monate später im Januar 2018 auf dem Krombacher-Jahresempfang des NFV. Im Gespräch mit Moderator Gerhard Delling gab sie viel Wissenswertes rund um das Schiedsrichterwesen und auch Persönliches preis.

„Wie viele Fahnen hat der Herr Papa denn  im Keller?“, wollte Delling von ihr wissen. Hintergrund: Vater Steinhaus hisst bei jedem internationalen Einsatz seiner Tochter die Flaggen der beteiligten Länder im heimischen Garten. Die Zahl der Fahnen war ihr zwar nicht geläufig, aber sie berichtete, dass die Fahnenkunde à la Steinhaus senior für die benachbarten Kinder immer dann eine Herausforderung darstellt, wenn zum Beispiel Länder wie Ecuador im Winde wehen.

Die als erste Frau in der Männer-Bundesliga gemachten Erfahrungen bezeichnete sie als „überwiegend positiv“, räumte aber ein, „die Strahlkraft des Fußballs unterschätzt zu haben.“ Im Gespräch mit Delling zeigte sie sich davon überzeugt, dass andere Länder dem Gleichstellungsbeispiel der Bundesliga nacheifern werden. „Wenn die Leistung stimmt, spielt das Geschlecht keine Rolle. Leistung erzeugt Akzeptanz.“

Als ein „Riesengeschenk“ bezeichnete es die damals 38-Jährige, in der Bundesliga dabei sein zu dürfen. Ihrem Dienstherrn, der Polizei Niedersachsen, dankte sie, dass er es ihr durch Freistellungen ermögliche, ihren Sport auszuüben. Steinhaus erinnerte daran, dass sie Leistungssport betreiben müsse, denn: „Die Spieler werden nicht langsamer, weil ich als Frau der Schiedsrichter bin.“

 

 

Autor / Quelle: bo/mf
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