Riem Hussein gehört seit Jahren zu den besten Schiedsrichterinnen in Deutschland und Europa. Foto: IMAGO/eu-images

Währen der Frauen-Weltmeisterschaft 2019 kam Hussein zu drei Einsätzen – hier im Gruppenspiel zwischen den USA und Chile. Foto: Getty Images/FRANCK FIFE

Riem Hussein ist seit 2005 DFB-Schiedsrichterin und steht seit 2009 auf der FIFA-Liste. Foto: imago images/Oryk Haist

Riem Hussein im Exklusiv-Interview: "Mir fehlt es schon total, nicht mehr selbst zu kicken"

28.01.2022

Sie ist nicht nur Deutschlands beste Schiedsrichterin, sondern auch eine von elf Juror*innen für den ersten NFV-Nachhaltigkeitspreis: Riem Hussein. Im Exklusiv-Interview mit dem Fußballjournal Niedersachsen spricht die 41-jährige Bad Harzburgerin über ihre Erfahrungen mit dem Thema Nachhaltigkeit, die Anfänge als Referee und eine mögliche Karriere als aktive Fußballerin.

Frau Hussein, welche Bedeutung hat für Sie der Begriff Nachhaltigkeit persönlich?

Hussein: Das ist auf jeden Fall ein Begriff, über den man sich früher nicht so viele Gedanken gemacht hat wie heute – und mit dem sich jetzt aber jeder beschäftigen muss. Ich finde den Begriff der Nachhaltigkeit persönlich sehr wichtig. Dabei denke ich in erster Linie nicht an Sport, sondern natürlich an Umweltfragen, die aber selbstverständlich auch mit dem Sport zusammenhängen können. Allein, dass vom NFV jetzt ein Nachhaltigkeitspreis verliehen wird, zeigt ja auch, wie wichtig dieses Thema ist und wie stark es im Sport noch ausgebaut werden kann.

Neben Ihrer Schiedsrichter-Tätigkeit sind Sie bekanntlich auch Vollzeit-Apothekerin. Welche Berührungspunkte haben Sie da mit dem Thema Nachhaltigkeit?

Hussein: Seit dem 1. Januar sind bestimmte Plastiktüten nicht mehr erlaubt. Da versuchen wir auch schon seit längerem, unsere Kunden in die Richtung zu bewegen, darauf zu verzichten oder eine eigene Tasche mitzubringen. Aber auch in der Buchführung gehen wir bewusst mit den Ressourcen um: Wir scannen fast alles und machen so gut wie keine Kopien mehr. Wir erledigen außerdem vieles per E-Mail und versuchen, den Postweg zu vermeiden. Das sind die Kleinigkeiten, wo Nachhaltigkeit für mich losgeht. Zum einen tut man der Umwelt etwas Gutes, aber natürlich spart man auch Kosten, die man für andere Dinge einsetzen kann, z.B. für die Jugendförderung - und wenn es nur ein paar hundert Euro sind. Grundsätzlich finde ich es auch ganz schön, wenn man sich im Supermarkt zum Beispiel sein Müsli selber abfüllen kann. In der Apotheke geht so etwas mit Arzneimitteln aus hygienischen Gründen leider nicht.

Man merkt also schon, dass der Weg in die Nachhaltigkeit nicht immer so einfach ist, wie man ihn sich vorstellt…

Hussein: …das stimmt. Aber ich finde es gut, dass einem jetzt z.B. bei den Plastiktüten eine gewisse Zeit gegeben wurde, diese Dinge umzusetzen. So konnte man darauf vorbereitet werden und in der Übergangszeit hat man versucht, den Kunden darauf einzustellen.

Kommen wir zu Ihnen persönlich: Im November 2021 haben Sie gemeinsam mit zwei Assistentinnen Geschichte geschrieben und als erstes weibliches Schiedsrichterteam ein Profispiel der Männer in Deutschland geleitet. War das nochmal etwas anderes im Vergleich zu den Profi-Spielen im Männerbereich davor?

Hussein: Nein, aber die Signalwirkung war wichtig – das hat medial ein paar Wellen geschlagen. Persönlich war das Spiel von der Vorbereitung und Herangehensweise für mich wie jedes andere auch. Ich war allerdings sehr stolz darauf, das erste komplett weibliche SR-Team im deutschen Profifußball aufs Feld geführt zu führen. Umso schöner war es, dass das Ganze im Nachhinein so positiv aufgenommen wurde, und das war in der Männer-Domäne Fußball ein positives Signal für alle Frauen und für alle Schiedsrichterinnen, die in den unteren Ligen aktiv sind. Sie haben gesehen, da gibt es drei Frauen, die sind in den höheren Spielklassen dabei und können im Profifußball sehr gut mithalten.

Wie haben die Teams reagiert?

Hussein: Für die war es überhaupt kein Thema. Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass es ihnen zwar aufgefallen ist - aber dann war der Fokus wieder auf das eigene Spiel gerichtet. Entscheidend war den Teams einzig und allein unsere Leistung, mit der wir an dem Tag glücklicherweise überzeugen konnten.

Mit 18 Jahren haben Sie das erste Mal eher durch Zufall ein Spiel als Schiedsrichterin geleitet, bevor Sie dann mit 25 anfingen, Karriere zu machen. Wussten Sie damals schon, dass Sie das Pfeifen weiterverfolgen wollen?

Hussein: Bevor ich das Spiel damals gepfiffen habe, hatte ich das schon einmal ins Auge gefasst. Bei den Fußball-Turnieren an meiner Schule fehlten früher immer Schiedsrichter und die Lehrer haben deshalb Ausschau gehalten. Ein Sportlehrer kam zu mir und fragte mich: „Hast du einen Schiedsrichterschein? Vielleicht kannst Du hier ja mitpfeifen?“ Mir war gar nicht klar, dass es dafür eine Lizenz gibt. Das hat mich dann sehr interessiert und das Thema „Schiedsrichter*in“ für mich an Wichtigkeit gewonnen.

Wie ging es dann weiter?

Hussein: Am Anfang wollte ich einfach nur die Regeln lernen und die Qualifikation in der Tasche haben – vergleichbar mit der Platzreife beim Golf oder dem Führerschein. Ob man dann weiter Golf spielt oder Auto fährt, ist erstmal egal, aber die Qualifikation ist vorhanden. Als ich dieses Spiel mit 18 gepfiffen habe, merkte ich, dass es mir sehr viel Spaß gemacht hat. Hätte es bei diesem Spiel überhaupt nicht gefunkt, dann wäre es auch niemals so weit gekommen.

Auch am Ball sind Sie ja ziemlich talentiert gewesen und haben beim damaligen Zweitligisten MTV Wolfenbüttel in der Saison 2004/2005 mal 18 Tore geschossen. Woher kam eigentlich Ihre Leidenschaft für den Fußball?

Hussein: Das ist eine gute Frage (lacht). In meiner Familie hat bis auf meinem ältesten Bruder so gut wie niemand gespielt. Ich bin dann mit einem Schulfreund mal zum Training gegangen, weil ich den Sport durch die Spiele, die ich im Fernsehen geschaut habe, einfach interessant fand. Auf dem Platz hatte ich ein gewisses Talent und meine Eltern haben mich auch unterstützt. Der Fußball und das Fußballspielen sind für mich nach wie vor durch nichts zu ersetzen und ich muss sagen: Es fehlt mir schon total, nicht mehr selbst zu kicken.

Warum spielen Sie nicht mehr selbst?

Hussein: Ich habe damit endgültig aufgehört, als ich 2009 auf die FIFA-Liste kam – da hat man mich vor den möglichen Folgen einer Verletzung gewarnt. Vorher ist es bereits schon einmal passiert, dass ich mir am Samstag beim Spielen eine muskuläre Verletzung zugezogen hatte und daraufhin meinen Einsatz als Schiedsrichterin am nächsten Tag absagen musste. Da habe ich gemerkt, dass mir das Risiko zu hoch und auch nicht kalkulierbar ist. Dazu kam, dass ich meinem Team nicht mehr zuverlässig helfen konnte, wenn es zu Terminkollisionen kam. Ich hatte ja im Alter von 25 Jahren bereits entschieden, den Fokus auf die Schiedsrichter-Karriere zu legen. Nach der Entscheidung habe ich zwar noch weiterhin bei einer Mannschaft mittrainiert, aber das habe ich dann auch irgendwann sein gelassen.  

Wie kam es dann dazu, dass Sie sich gegen eine mögliche Karriere als Fußballerin und für die Schiedsrichterei entschieden haben?

Hussein: Wenn ich heute noch einmal in dem Alter wäre und die theoretische Chance hätte, Bundesliga zu spielen, dann würde ich es mir wahrscheinlich noch einmal überlegen. Damals waren alle Spielerinnen noch nebenbei berufstätig und konnten vom Fußballspielen nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ich weiß nicht, ob das heute komplett anders ist. Aber zumindest kann man sich eine gewisse Zeit auf den Sport konzentrieren und vielleicht nicht nachhaltig, aber immerhin für den Moment davon leben. Damals war es mir wichtiger, dass ich eine gute Ausbildung erhalte. Ich war einfach der Meinung, dass mein Talent nicht groß genug ist und wollte meinen Fokus auf die berufliche Karriere legen – und die war mit dem Pfeifen am besten zu kombinieren.

Stichwort Powerfrau: Sie haben Ihre Schiedsrichterkarriere neben dem Studium voran getrieben und sind jetzt Vollzeit-Apothekerin und Schiedsrichterin im Profibereich. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Hussein: Es ist zum Glück so, dass ich meine Arbeits- und Trainingszeiten gut aufeinander abstimmen kann. Meine Familie und meine Geschwister unterstützen mich dabei. Wenn ich am Wochenende pfeifen muss, stehen meine Geschwister in der Apotheke und andersherum arbeite ich an den Wochenenden, an denen ich spielfrei habe. Wenn ich keine Ansetzung habe, trainiere ich in der Regel sechs Mal pro Woche und generell muss ich die Dinge, die ich mir vornehme, einfach mit einem akkuraten Zeitplan durchziehen. Mit Disziplin und Organisation ist das aber alles möglich.

Umso schöner, dass Sie sich die Zeit nehmen, als Jury-Mitglied den Sieger des ersten NFV-Nachhaltigkeitspreises zu küren. Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:
Riem Hussein ( geboren am 26. Juli 1980 in Bad Harzburg) ist eine deutsche Fußballschiedsrichterin palästinensischer Abstammung. Sie ist seit 2005 DFB-Schiedsrichterin und steht seit 2009 auf der FIFA-Liste. Die 41-Jährige kam bisher in 114 Spielen der Frauen-Bundesliga sowie in 43 Partien der 3. Liga als Referee zum Einsatz – zwei Einsätze im DFB-Pokal runden ihre eindrucksvolle Vita ab.

Hussein pfeift für den niedersächsischen Verein TSG Bad Harzburg und war bis 2005 selbst aktive Fußballspielerin. Als Stürmerin lief sie in der Saison 2004/05 für den Zweitligisten MTV Wolfenbüttel auf und erzielte 18 Saisontore. Nach der Saison wurde sie DFB-Schiedsrichterin und leitete zunächst Spiele in der 2. Bundesliga und ab 2006 in der Bundesliga der Frauen. Im Jahre 2009 wurde sie FIFA-Schiedsrichterin und leitet seitdem auch Europapokal- und Länderspiele. 2010 pfiff Hussein das DFB-Pokalfinale der Frauen, weitere Highlights waren die Nominierungen für die Frauen-EM 2017 in den Niederlanden sowie für die Frauen-WM 2019 in Frankreich.

Bei den Männern pfeift Hussein seit 2008 Spiele der viertklassigen Regionalliga. Zur Fußballsaison 2015/16 stieg sie in die 3. Liga der Männer auf. Damit ist sie nach Bibiana Steinhaus die zweite Schiedsrichterin, die im professionellen deutschen Männerfußball eingesetzt wird. In den Spielzeiten 2012/2013, 2015/2016, 2019/2020 sowie 2020/2021 ist Hussein jeweils zur DFB-Schiedsrichterin des Jahres gekürt worden.

Hauptberuflich arbeitet sie als Apothekerin in einer Apotheke in Bad Harzburg, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Bruder betreibt.

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