Horst Schlösser am 11. September 2021 gemeinsam mit Assistent René Rohde und Schiedsrichter Bastian Dankert bei der Partie des HSV gegen den SV Sandhausen.

Eine wahre Legende unter den Schiedsrichter-Betreuern: Horst Schlösser.

Die Raute im Herzen: Horst Schlösser.

Horst Schlösser (r.) mit DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner (Mitte) und Jörg Weinberg, dem Nachfolger als Schiedsrichter-Betreuer.

„Die besten Gespräche unmittelbar vor dem Anpfiff“ – Thorsten „Toto“ Kinhöfer mit Horst Schlösser.

„Mit Horst konntest Du dich über alles unterhalten, nicht nur über Fußball“ – Ex-FIFA-Referee Hartmut Strampe mit seinem Sohn Tim Alexander, der mittlerweile in der Regionalliga pfeift.

Horst Schlösser am vergangenen Sonnabend gemeinsam mit dem ehemaligen Zweitliga-Referee Carsten Byernetzki.

Horst Schlösser: Die Raute im Herzen – aber vor allem die Pfeife

15.09.2021

Warum Horst Schlösser während des Derbys zwischen dem HSV und Werder Bremen wohl wieder klassische Musik hören wird: Der ehemalige Redakteur, Unparteiische und aktuelle DFB-Schiedsrichter-Beobachter Marco Haase (SV Holdenstedt), seit mehr als zwei Jahrzehnten im Verbandsschiedsrichter-Lehrstab und als NFV-Schiedsrichter-Referent tätig, schreibt über einen der dienstältesten Schiedsrichter-Betreuer im Profi-Fußball, der nunmehr mit 81 Jahren in den Ruhestand geht – nach 36 Jahren Tätigkeit. Für nfv.de erinnern sich auch NFV-Top-Schiris an den beliebten Schiedsrichter-Betreuer zurück. 

Als Horst Schlösser 1985 beim Hamburger SV die Aufgabe des Schiedsrichter-Betreuers übernimmt, da sind sechs der heutigen Bundesliga-Schiedsrichter noch nicht einmal geboren – und die heute ältesten gerade mal in der Grundschule. Bibiana Steinhaus beginnt mit sechs Jahren ihre Schullaufbahn. Die beiden NFV-Spitzenreferees Hartmut Strampe und Carsten Kadach, später auf FIFA-Ebene im Einsatz, stehen am Beginn ihrer Karriere – an Spielleitungen beim HSV ist noch gar nicht zu denken. Fast vier Jahrzehnte lang hat der ehemalige Import-Export-Kaufmann mehrere Generationen der deutschen Top-Referees betreut. Nunmehr ist eine Ära zu Ende: Der heute 81-jährige Horst Schlösser hat nach 36 Jahren auf eigenen Wunsch sein Amt niedergelegt – und allein die vielen Reaktionen ehemaliger und aktiver Unparteiischen, speziell auch aus Niedersachsen, zeigen, dass hier ein ganz Großer des Schiedsrichterwesens in den Ruhestand getreten ist – ein ganz Großer der Schiedsrichter-Szene, obwohl Horst Schlösser selber nie gepfiffen hat.

„Per Sie nur mit

Volker Roth“

„Für mich war das kein Routine-Job, sondern eine Herzensangelegenheit“, sagt Horst Schlösser im Gespräch mit nfv.de, „ich habe mich auf die Teams gefreut.“ Und diese auf ihn. So geht es oft vom Bahnhof oder Flughafen erst einmal gen Hamburger Hafen – und abends vor dem Spiel ganz entspannt ins Fischereihafen-Restaurant von Rüdiger Kowalke. Wenn es die Zeit nach der Partie zulässt, wird der Spieltag an den St.-Pauli-Landungsbrücken beschlossen, im Portugiesen-Viertel. Über die vielen Jahre entwickeln sich so einige enge Freundschaften, die bis heute halten. „Gesiezt habe ich mich nur mit Volker Roth (Salzgitter), aber auch das Verhältnis war partnerschaftlich“, erinnert sich das HSV-Urgestein, dessen Passion zuvor eigentlich eher das Tennisspiel in der HSV-Tennisabteilung gewesen war. Dort, beim Tennis, spricht ihn 1985 auch sein Vorgänger Werner Otto an, ob Horst es sich nicht vorstellen könne, seine Nachfolge als Schiedsrichter-Betreuer anzutreten – 1985, zwei Jahre nach dem Gewinn des Europokals der Landesmeister, wie die Champions League damals noch heißt, und zwei Jahre vor dem bisher letzten Titel, dem Sieg im DFB-Pokal. Trainer ist Ernst Happel.

Die Selbstständigkeit im Beruf hilft Horst Schlösser, seine Tätigkeit mit Engagement und Leidenschaft auszuüben, „ich konnte mir meine Zeit frei einteilen.“ Sein Dank gilt heute seiner Familie, besonders seiner Frau Ute, die seine Aufgabe voll und ganz mitgetragen hat. Urlaube, Freizeit – alles wurde nach dem HSV-Spielplan ausgerichtet. Nicht zu vergessen die zahlreichen internationalen Spiele, die der damalige Bundesliga-Dino bestritten hat.

Dass Horst Schlösser viel mehr ist als ein bloßer Betreuer, wird aus den zahlreichen Zuschriften deutlich, die er nach seinen Einsätzen und speziell seit seinem Rücktritt vom Amt erhält und auf die er im Gespräch mit nfv.de schon ein bisschen stolz ist. „Wir haben nicht nur einen der besten Schiedsrichter-Betreuer in den Ruhestand entlassen, sondern auch einen tollen Menschen und einen guten Freund. Du hast mit Deiner Art Maßstäbe gesetzt und bist eine Legende geworden“, schreibt Lutz Wagner (Hofheim), DFB-Schiedsrichter-Lehrwart, 197mal in der ersten Liga im Einsatz. „Ein Spiel in Hamburg war für mich immer etwas Besonderes, ein Feiertag, ein Highlight“, notiert der ehemalige FIFA-Referee, WM- und EM-Schiedsrichter Wolfgang Stark (Ergolding), „schade, dass Du aufhörst“.

Carsten Kadach:

„Wahrer Gentleman“

Auch Kollege Herbert Fandel (Kyllburg) ist „immer sehr gern nach Hamburg gekommen“ und wird die Abende im Fischereihafen-Restaurant „bei Aal auf Ei und Schwarzbrot“ nie vergessen. Carsten Kadach (Bienenbüttel), als Assistent gemeinsam mit Herbert Fandel unter anderem bei der EM 2008 und im Champions-League-Finale 2007 (AC Mailand - FC Liverpool) im Einsatz: „Horst ist ein verlässlicher loyaler Gentleman. Er ist über die Jahre zu einem wahren Freund geworden. Es war beeindruckend, wie er mit seiner Bärenruhe in dem oft hektischen Profifußball umging“.

Hartmut Strampe: „Nicht

immer über Fußball“

Hartmut Strampe (TSV Gr. Hesebeck/Röbbel), ebenfalls viele Jahre auf FIFA-Ebene und immer noch in der Bundesliga als Beobachter aktiv, schätzte sehr, dass „man sich mit Horst über alle Themen unterhalten konnte – und das war nicht unbedingt der Fußball. Zudem: Als ich 1986 das erste Mal mit dem DFB in Berührung kam: Horst war schon da, gefühlt immer.“ Für den langjährigen internationalen Unparteiischen Knut Kircher war „es ein Vergnügen und eine Ehre“, mit Horst Schlösser einen so „aufrichtigen, bescheidenen, empathischen, einen liebenswerten Dino“ kennengelernt zu haben.

Auch der ehemalige österreichische FIFA-Referee Horst Brummeier (WM 1986, EM 1988), der als UEFA-Delegierter in Hamburg war, hat sich aufgrund „Deiner Freundschaft und Natürlichkeit in Hamburg pudelwohl gefühlt“, bescheinigt Horst Schlösser „in jeder Hinsicht Vorbildcharakter“ und freut sich, „dass wir schon rein menschlich aufgrund unserer unkonventionellen Art auf einer Wellenlänge“ liegen.

Auch der ehemalige FIFA-Referee Bernd Heynemann (Magdeburg) hat für Horst Schlösser nur lobende Worte: „Legenden entstehen über Jahre und prägen einen Stil. Das trifft ohne Zweifel auf Horst zu, denn mit seiner hanseatisch vornehm zurückhaltenden Art und seinem Witz, war er immer ein Begleiter im Dienst der Sache. Besonders beeindruckend ist sein akzentfreies Portugisisch, was selbst in Hamburgs Portugiesischen Restaurants für Erstaunen sorgte. Eben ein Weltmann von der Waterkant und ein Fachmann für die Referees.“

Thorsten Kinhöfer (Herne) kann sich noch genau an seinen ersten Einsatz in Hamburg erinnern – an den 3. September 1994 als Assistent in der Partie gegen den Karlsruher SC: „Damals begann eine sehr lange Freundschaft. Neben zahllosen Treffen anlässlich der HSV-Spiele, wunderschönen Abenden im Fischereihafen-Restaurant oder in ,seinem‘ portugiesischen Viertel bleiben auf jeden Fall die Fahrten zurück ins Hotel in Erinnerung, denn jedes Mal, wenn im Radiosender Oldie 95 oder Radio Paloma geile Musik gespielt wurde, ist Horst immer noch mal ums Hotel gefahren, bis das das Lied zu Ende war. Und das ist sehr häufig vorgekommen“, so der ehemalige FIFA-Referee in seinem unverwechselbaren Herner Slang im Gespräch mit nfv.de, „Hamburg werde ich ewig mit Horst Schlösser in Verbindung bringen, denn Horst hat mich von meinem ersten bis zu meinem letzten Tag beim DFB 21 Jahre begleitet.“

Horst Schlösser selbst muss lachen, wenn es um die Begegnungen mit Thorsten „Toto“ Kinhöfer geht, der mittlerweile als Schiedsrichter-Experte für die BILD und die BILD am Sonntag fungiert: „Unmittelbar vor dem Anpfiff hatten wir die besten Gespräche – die Themen bleiben geheim, um Fußball ging es allerdings selten bis gar nicht.“ Beim wem auch immer sich nfv.de umhört: Den NFV-Referees Bibiana Steinhaus, Florian Meyer, Michael Weiner, Carsten Kadach, Hartmut Strampe, Christoph Bornhöft, Bernd Domurat (der Platz für alle NFV-Unparteiischen reicht an dieser Stelle gar nicht aus) – oder über Niedersachsen hinaus, zum Beispiel beim ehemaligen FIFA-Schiedsrichter Bernd Heynemann (Magdeburg): Alle betonen das Menschliche, Faire, Besondere, Bescheidene am Menschen Horst Schlösser.

Bibiana Steinhaus:

„Klassische Musik“

Die Einsätze seiner Schiedsrichter-Teams, die verfolgt Horst Schlösser übrigens nur selten im Stadion– oft bleibt er in der Kabine, oder im Auto, „und dabei hörte Horst nicht selten klassische Musik“, erinnert sich die ehemalige FIFA-Unparteiische und Welt-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus (Hannover), die in Hamburg vor allem als Vierte Offizielle im Einsatz war. Und so wird Horst Schlösser auch das Derby gegen Werder Bremen vermutlich nicht in Gänze live am Bildschirm verfolgen: „Das Spiel selbst war und ist mir viel zu aufregend, viel zu sehr habe ich mit meinen Unparteiischen mitgefiebert – und so habe ich auch keinen unqualifizierten Kommentar auf der Tribüne mitbekommen müssen.“ Auch das hat Horst Schlösser zu einer wahren Legende gemacht – zwar auch mit der Raute im Herzen, aber vor allem mit Pfeife, Karten, Fairness und Objektivität. Am Sonnabend, 11. September 2021, ist Horst Schlösser während der Partie des HSV gegen den SV Sandhausen (2:1) von Manager Bernd Wehmeyer, der 1985 noch als aktiver Spieler im Kader steht, verabschiedet worden.

Autor / Quelle: Von Marco Haase
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