Austausch im Vereinsheim des SV Rühle mit (v.l.) Rolf Gans, August Borchers, Auwi Winsmann, Günter Distelrath und Steffen Heyerhorst. Foto: Borchers

„Fusionen sind nicht das Allheilmittel“

23.09.2020

Die gravierenden Nebenwirkungen der Corona-Pandemie und rückläufige Mitgliederzahlen sind die besonders empfindlichen Stellen, wo der Schuh den NFV-Kreis Holzminden derzeit am meisten drückt. August Borchers ist Vorsitzender des Fußballkreises und verfolgt besorgt den Mitgliederschwund, der auch vor seinem Kreis nicht Halt macht. Im Dialog mit Spitzenvertretern des Niedersächsischen Fußballverbandes schilderten Borchers und dessen Vorstandskollegen die Sorgen und Nöte, die die Fußballer im südlichsten Kreis des NFV-Bezirks Hannover bewegen. 

Der Masterplan des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sieht als logische Ergänzung der seit 2014 durchgeführten Vereinsdialoge seit 2018 auch den Gedankenaustausch zwischen den Fußball-Landesverbänden und deren Kreisverbänden vor. Nachdem in Niedersachsen vor zwei Jahren der so genannte Kreisdialog im NFV-Kreis Ostfriesland seine Premiere erlebte und eine weitere Veranstaltung wenig später in Rotenburg stattfand, kam es auch 2019 in Schaumburg und Göttingen-Osterode zu zwei Dialogen zwischen Verbandsspitze und Kreisvertretern. In Rühle, einem Ortsteil von Bodenwerder, fand jetzt mit dem NFV-Kreis Holzminden die fünfte Auflage statt. 

Drei Stunden lang, also über die Dauer von zwei Fußballspielen, tauschten sich der Vorstand des Kreises und der NFV, vertreten durch Präsident Günter Distelrath, Vizepräsident Auwi Winsmann, Direktor Steffen Heyerhorst und Christoph Beismann (NFV-Team Masterplan), im Vereinsheim des SV Frischauf Rühle aus. Dabei sprachen sie die Probleme im Fußballkreis vor Ort an und suchten gemeinsam nach möglichen Lösungen. 

Die aktuelle Mitgliederbestandserhebung zum 1. Januar 2020 weist es aus: Der NFV-Kreis Holzminden hat gegenüber 2019 71 Mitglieder verloren und bleibt mit nunmehr 6.400 Mitgliedern der kleinste Kreis im Ranking der 33 NFV-Kreise. Und Michael Wiedwald, Vorsitzender des Kreisspielausschusses ergänzt: „Die Mannschaften brechen uns bis hin zur Kreisliga weg.“ Auf Kreisebene treten lediglich 31 Teams im Herrenspielbetrieb an, davon nur noch 12 in der Kreisliga und 19 in einer zweigeteilten ersten Kreisklasse. 

Ähnlich besorgniserregend stellt sich die Situation für Sebastian Müller dar. „Es fließt immer viel Angstschweiß, ob wir alle Spiele besetzen können, aber es ist uns in der Vergangenheit immer gelungen“, so der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses. In den letzten zehn Jahren habe sich der Schiedsrichterbestand im Kreisgebiet halbiert und die größte Herausforderung bestehe derzeit in der Gewinnung und Erhaltung von Unparteiischen. Hilfreich sei der mit den Kreisen Hameln-Pyrmont und Hildesheim praktizierte Schiedsrichteraustausch, mit dessen Hilfe Engpässe überwunden werden könnten. Ebenso hilfreich ist laut August Borchers aber auch eine gute Betreuung der neu gewonnenen Schiedsrichter. 

„Wir sind stolz auf unsere derzeit 65 Schiedsrichter und hoffen, gut mit ihnen durch die Saison zu kommen“, blickt Müller nach vorn. Das Durchschnittsalter der Holzmindener Unparteiischen beträgt derzeit 30 Jahre, aufgeteilt in die Gruppe der 14- bis 20-Jährigen sowie die Schiedsrichter im Alter von Mitte 50 bis 70 plus. „Da fehlt natürlich etwas die Mitte“, bedauert der Obmann. Erfreulich: Jahr für Jahr führt der Kreis mit etwa 15 bis 20 Personen Anwärter-Lehrgänge durch, und nach einem Jahr ist immer noch die Hälfte von ihnen aktiv. Weniger erfreulich: In der vierten Sommerpause in Folge hat es jetzt erneut Regeländerungen gegeben. „Das sorgt zumindest bei den älteren Schiedsrichtern für Verdruss“, so Müller. 

Auch Rolf Gans beklagt einen leichten Rückgang der Mannschaftszahlen im Juniorenbereich, führt diesen auch auf die monatelange Corona-Zwangspause zurück, „weil mit Sicherheit in dieser Phase einige Jugendliche dem Fußball verloren gegangen sind.“ Der Vorsitzende des Jugendausschusses schildert die Praxis eines kreisübergreifenden Spielbetriebes und in diesem Zusammenhang spricht er von „einer gut harmonisierenden Zusammenarbeit“ mit den Nachbarkreisen Hameln, Hildesheim und Northeim-Einbeck sowie dem westfälischen Fußballkreis Höxter. August Borchers fügt hinzu, dass der NFV-Kreis Hildesheim den Holzmindenern insbesondere im Schulfußballbereich wertvolle Unterstützung gewährt. 

16 Holzmindener Vereine nehmen in der neuen Saison am Jugendspielbetrieb teil, davon sieben in Jugendspielgemeinschaften. Die Vorgabe des Verbandes, den Spielbetrieb für F- und G-Junioren in Turnierform abzuwickeln, hält Gans angesichts von Corona momentan für kaum darstellbar: „Das überfordert uns bei den derzeit strengen Auflagen.“ Auch Hallenrunden seien aufgrund der Pandemie nicht geplant. Hier appelliert NFV-Direktor Steffen Heyerhorst eindringlich, zumindest 4er-Turniere auszurichten, „um den Spielbetrieb am Leben zu halten und nicht noch mehr Teams zu verlieren.“ 

Und Auwi Winsmann empfiehlt den Holzmindenern angesichts der rückläufigen Mannschaftszahlen, in den Dialog mit den Nachbarkreisen zu treten und dabei auch Fusionsmöglichkeiten in Erwägung zu ziehen. Michael Wiedwald betrachtet diesen Weg mit einer gewissen Skepsis: „Fusionen sind nicht das Allheilmittel. Sie ergeben nicht mehr Mannschaften pro Quadratmeter.“ Auch August Borchers gibt zu bedenken: „Man muss immer die Entfernungen im Auge behalten, die sich bei größeren Gebilden ergeben. Außerdem darf eine Zusammenarbeit keine Einbahnstraße sein. Wir wollen nicht nur Mannschaften in andere Kreise abgeben. Es müssen auch Teams nach Holzminden kommen.“ Der Kreischef weiß aber auch: „Im Jugendbereich läuft die Zusammenarbeit mit Hameln-Pyrmont sehr gut.“ 

Natürlich hat Corona auch den Fußballalltag in Holzminden vor große Herausforderungen gestellt. Michael Wiedwald: „Ich habe schon den Eindruck, dass viele Vereine mit den Auflagen überfordert waren und mit den schwer verständlichen Gesetzestexten nur unzureichend klargekommen sind.“ August Borchers verweist in diesem Zusammenhang auf die Homepage des NFV, auf der Infos rund um Corona sehr detailliert zusammengetragen worden seien und gut zur Aufklärung beigetragen hätten. Auch Günter Distelrath hat in dieser Hinsicht bei Abfragen in den NFV-Kreisen ausschließlich ein positives Feedback erhalten. „Der Tenor war: Mit den Materialien und Informationen, die der Verband ihnen zur Verfügung gestellt hat, konnten die Vereine gut umgehen und sie umsetzen“, so der Präsident. Und schließlich habe laut Auwi Winsmann auch Oliver Eggers „einen guten Job“ gemacht, der als Corona-Beauftragter in der NFV-Geschäftsstelle bisher kompetenter Ansprechpartner für die Vereine gewesen sei. 

Beim Blick auf die geplante Veränderung der Finanzausstattung der Kreise und Bezirke erläutert Günter Distelrath noch einmal den laufenden Prozess. Nachdem sich eine Arbeitsgruppe „Finanzierung der Kreise und Bezirke“ prozessorientiert damit auseinandergesetzt und konstruktive Vorschläge erarbeitet hat, geht dieser Vorschlag nun in die Arbeitsgruppe „Finanzen“, die auf dieser Basis einen Beschlussvorschlag für das Präsidium erarbeitet. Ziel ist es, die Finanzausstattung des außerordentlichen Haushalts an den Aktivitäten zu orientieren und die des ordentlichen Haushalts untereinander vergleichbar auszustatten. 

Fest steht, dass sich die Einnahmesituation des Verbandes verschlechtert hat. Es hat Einbußen bei den Abgaben der Bundesligisten gegeben, Sponsorengelder sind aufgrund von Corona nicht in allen Fällen in der kalkulierten Höhe geflossen und auch das Schrumpfen der Mannschaftszahlen von einst 23.000 auf jetzt 15.000 Teams bedeutet einen finanziellen Aderlass. „Alles in allem ist das schon ein ganz ordentlicher Abrieb“, bilanziert Günter Distelrath. Deshalb, so der Präsident, ist der Verband dabei, seine Strukturen zu überarbeiten und zu prüfen: „Was kann man schlanker und ggf. kostengünstiger machen?“ 

Die Teilnehmer des Dialogs: Der Verband wurde vertreten durch Günter Distelrath (NFV-Präsident), Auwi Winsmann (NFV-Vizepräsident und Vorsitzender NFV-Bezirk Hannover), Steffen Heyerhorst (NFV-Direktor) sowie Christoph Beismann (NFV-Team Masterplan) und vom NFV-Kreis Holzminden nahmen August Borchers (1. Vorsitzender), Rolf Gans (stellvertretender Kreisvorsitzender und Vorsitzender des Juniorenausschusses), Manfred Tophinke (Schatzmeister und Kreisehrenamtsbeauftragter), Michael Wiedwald (Vorsitzender Spielausschuss), Sebastian Müller (Vorsitzender Schiedsrichterausschuss), Fritz Ohm (Schriftführer) und Michael Müller (Pressesprecher) teil.
 

Autor / Quelle: Peter Borchers
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