„Keine Tricksereien bei Abstößen“ – Verbandsschiedsrichter-Lehrwart Axel Martin (Mitte, hier im Kreise der NFV-Schiedsrichter-Referenten bei ihrer vor dem Corona-Lockdown bisher letzten Tagung Anfang 2020) klärt über die Regeländerungen auf.

„Hand beginnt bereits unter der Achselhöhle“ – Verbandsschiedsrichter-Lehrwart Mario Birnstiel erläutert die komplexe Handspiel-Regel.

Hoffen darauf, dass es nach den Corona-Zeiten bald wieder mehr Präsenz-Lehrgänge geben kann: Verbandsschiedsrichter-Lehrwart Axel Martin (Mitte) gemeinsam mit seinem Kollegen Lars Heitmann und Obmann Bernd Domurat (r.).

Endlich: Die Handspiel-Regel wird wieder vereinfacht

16.09.2021

Keine Saison ohne Regeländerungen: Für nfv.de und das NFV-Journal hat NFV-Schiedsrichter-Referent und DFB-Schiedsrichter-Beobachter Marco Haase mit Niedersachsens beiden Verbandsschiedsrichter-Lehrwarten Mario Birnstiel und Axel Martin gesprochen und die wichtigsten Neuerungen zusammengestellt und erläutert. Einig sind sich alle: Zum Glück rollt der Ball in Niedersachsen wieder, und das natürlich regelkonform.

 Wer sich eine alte Begegnung aus den 1970er Jahren anschaut, der erkennt nach wenigen Minuten, wie erfolgreich Fußball-Regeländerungen sein können: Damals wurde verzögert, zurückgespielt, der Ball bei Freistößen blockiert oder weggespitzelt, die Keeper durften fast jeden Ball aufnehmen – mancher kann sich das heute gar nicht mehr anschauen. Von wegen Jahrhundert-Elf 1972. Schlafwagen-Fußball war das. Die heutigen Spiele sind deutlich schneller und damit für die Zuschauer attraktiver.

Manchmal werden aus dem Regelwerk auch Unstimmigkeiten oder Fehler beseitigt. So hielt sich in der deutschen Übersetzung des Regelwerks einige Zeit ein Satz, der den Torwarten in den eigenen Torräumen vorgeblich besonderen Schutz zugestand. Das war schlichtweg Unsinn und so nicht im Originaltext notiert. Die Keeper dürfen im Kampf um den Ball genauso korrekt gerempelt werden wie jeder andere Akteur auch – egal wo, ob im 5,50-Raum oder weiter draußen. 

Regel 12 (Fouls und sonstiges Fehlverhalten)

Bei der für den Fußballsport so wichtigen Regel 12 gibt es erst einmal eine redaktionelle Änderung: Aus dem „unsportlichen Betragen“ in der Überschrift wird pauschaler und praxisgerechter das „sonstige Fehlverhalten“. Außerdem wird präzisiert, dass indirekte und direkte Freistöße sowie Strafstöße nur bei Vergehen gegen Personen auf der Teamliste verhängt werden (Spieler, Auswechselspieler, ausgewechselte und des Feldes verwiesene Akteure, Teamoffizielle und Spieloffizielle). Alle anderen Personen, zum Beispiel Zuschauer, gehören nicht dazu. Mario Birnstiel: „Tritt beispielsweise ein Spieler während des laufenden Spiels einen auf dem Platz stehenden Zuschauer oder Funktionär, der nicht auf dem Spielbericht steht, in den Allerwertesten, dann gibt es, neben der roten Karte, den Schiedsrichter-Ball. Wenn der Sünder dazu den Platz zuvor unerlaubt verlassen hat, gibt es wegen dieses unerlaubten Verlassens den indirekten Freistoß.“

Auch bei Abstößen keine Tricksereien mehr. Axel Martin dazu: „Wenn Verteidiger oder Torwart beim Abstoß ganz schlau sein und mit einem Trick die Zuspielregelung mit dem Fuß umgehen wollen, gibt es den indirekten Freistoß für das gegnerische Team. Beispiel: Der Keeper lupft beim Abstoß den Ball zu seinem Mitspieler, der ihm die Kugel wieder in die Arme köpft. Entscheidung: Indirekter Freistoß und die gelbe Karte für den Torwart wegen der Unsportlichkeit, denn dieser hat den Trick eingeleitet. Vom Freistoß kennen wir diese Regelung schon länger.“

Die wichtigste Regeländerung für die neue Saison 2021/2022 betrifft das Handspiel. Hier wurde in den vergangenen Jahren viel gut Gemeintes versucht, das hat aber eher zur Verwirrung beigetragen. Das für die Regeländerungen zuständige International Board kehrt, auch auf nachdrücklichen Rat der Schiedsrichter, zu einer nachvollziehbaren Praxis zurück. Grundsätzlich geht es wieder deutlicher darum, ob ein Handspiel ganz offensichtlich absichtlich erfolgt oder nicht. Axel Martin: „Wenn Arme und Hände absichtsvoll dazu dienen sollen, die Abwehrfläche zu vergrößern, um die Kugel aufzuhalten, liegt Absicht und damit ein strafbares Handspiel vor. Prallt das Leder indes bei einer normalen Bewegung (und dazu müssen die Arme nicht an beiden Seiten wie festgetackert gehalten werden) an Arme oder Hände, dann geht es weiter. Alles Verwirrende wie „Abstützhand“ ist aus dem Regelwerk gefallen – und das ist gut so.“

Früher war nicht alles besser, im Gegenteil, aber ein Spruch aus der Praxis erfahrener Referees, dass „90 Prozent aller Handspiele unabsichtlich sind“, sollte bei der künftigen Beurteilung und Bewertung wieder gelten. Der ebenfalls, nicht unter Schiedsrichtern, kursierende Spruch „Hand ist Hand“, den gab es zu keiner Zeit im Fußballsport.

Zurückgefahren wird ab sofort auch die Strafbarkeit von Handspielen, die ein Angreifer vor einem Torerfolg begeht. Hier muss das Handspiel (und in diesem Fall gilt es auch für unabsichtliches Agieren) nur noch dann bestraft werden, wenn der Spieler selbst direkt oder kurz danach einen Treffer erzielt. Wenn es nach einem unabsichtlichen Handspiel nur zu einer Tormöglichkeit kommt – oder ein Mitspieler kickt später das Leder in die Maschen, dann geht es weiter, und ein späteres Tor gilt.

Übrigens: Genau beschrieben ist auch, wann die Beurteilung von „Hand“ beginnt. Die Grenze verläuft zwischen Schulter und angelegtem Arm unter der Achselhöhle. Die Schulter gehört also nicht zu Arm und Hand – das hat Auswirkungen, zum Beispiel auf die Regel 11 (Abseits). Wie das? 

Regel 11 (Abseits)

Bei der Bewertung von Abseitsszenen geht es bei knappen Entscheidungen um Körperteile, mit denen ein gültiges Tor erzielt werden kann. Wenn sich ein Spieler also mit der Hand und den Armen im Abseits befindet, mit dem Rest des Körpers nicht, dann steht er nicht im Abseits – weil mit der Hand eben kein reguläres Tor erzielt werden kann. Aber, und das kommt durchaus vor, wenn er mit der Schulter bis zu den Achseln im Abseits steht, dann sind diese Körperteile bei der Ermittlung der Abseitsposition zu beachten. Mutmaßlich sind das eher Fälle für die Linie des Kölner Kellers als für das Adlerauge auf den Heide-Wendland-Sportplätzen, aber wenn es drauf ankommt, ist diese Präzisierung wichtig.

Praxisfreundlicher ist die deutsche Übersetzung ab sofort beim Wort „Save“. Es heißt jetzt „Torverhinderungsaktion“, nicht mehr nur „Abwehraktion“. Mario Birnstiel zum Hintergrund: „Wenn ein Abwehrspieler den Ball bewusst spielt und dieser zu einem strafbar im Abseits stehenden Stürmer gelangt, ist dieses strafbare Abseits aufgehoben. Die einzige Ausnahme hiervon, die ab sofort gilt: Wenn der Verteidiger einen mutmaßlich ins Tor gegangenen Ball in letzter Sekunde wegspielt, zum Beispiel zum strafbar Abseits stehenden Stürmer, dann ist dessen strafbare Abseitsposition nicht aufgehoben, und es gibt den indirekten Freistoß. Bei einer reinen Abwehraktion, bei der zum Beispiel noch Mitspieler hinter dem Verteidiger platziert sind und es nicht darum geht, ein Tor zu verhindern, ist eine strafbare Abseits wieder aufgehoben.“ 

Und was gibt’s sonst Neues?

Die weiteren Regeländerungen betreffen vor allem redaktionellen Anpassungen. So heißt es beispielsweise in Regel 1 (Spielfeld), dass Pfosten und Latte beider Tore die gleiche Form aufweisen müssen – also beide quadratisch, rechteckig, rund, elliptisch oder was man sich sonst noch so vorstellen kann (nicht der eine Kasten so und der andere so). Wichtig ist, dass ein schnelles Tor dem Spiel guttut, sollte es mal kaputt gehen – und wer jetzt nicht weiß, was diese Anspielung bedeuten soll, schaut im Internet einfach mal nach Schlagwörtern wie „Real Madrid“, „Borussia Dortmund“, „1. April 1998“, „schnelles Tor“… Günther Jauch und Marcel Reif haben damals für Ihre Spontan-Reportage nach dem gebrochenen Tor von Real Madrid mit Recht einen Fernsehpreis erhalten.

Alle Regeländerungen sind übrigens immer hervorgehoben im neuen Regelwerk zu finden, das kostenlos auf der Seite des DFB heruntergeladen werden kann – die aktuellen Normen für 2021/22 gibt es unter www.dfb.de/verbandsservice/publikationen/fussballregeln/.

 

 

Autor / Quelle: Von Marco Haase
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