Ein guter Freund weicht nicht von der Seite: Mathea hat einen Begleiter auf vier Pfoten

26.04.2021

1.FC Brelingen sammelte Spenden zum Kauf eines Asssistenzhundes – Tier kann Alarm schlagen, wenn Blutzuckerspiegel sinkt

Im vergangenen Jahr ist die große Spendenbereitschaft in der Wedemark (Region Hannover) und insbesondere im Umfeld des örtlichen Sportvereins 1. FC Brelingen ein Gesprächsthema gewesen. Gut 20.000 Euro sind für die dreijährige Mathea zusammengekommen. Das Kind aus der Wedemark ist wegen der Von-Gierke-Krankheit (siehe Kasten) ständig von einer lebensgefährlichen Unterzuckerung bedroht. Ein speziell ausgebildeter Diabetiker-Warnhund kann helfen und Alarm schlagen. Vor allem nachts. Seit wenigen Monaten ist Lucky, eine Mischung aus Labrador und Australien Shepard, in Matheas Alltag integriert und Mitglied der Familie.

Aktuell befindet er sich noch in der Eingewöhnungszeit und lernt dazu. Dennoch: „Für uns ist er schon jetzt eine Erleichterung und ein großes Geschenk“, sagt Dorothea Abubakari. Die Mutter von Mathea hat zusammen mit ihrem Mann noch ein älteres Kind, das eine unauffällige Entwicklung hat. Der Hund sei bereits sehr auf Mathea fixiert. „Nachts läuft er auch mal herum, guckt aber immer wieder nach ihr. Und wenn er schläft, dann so, dass er sie ständig beobachten und beschützen kann“, sagt sie. Bislang müssen Matheas Eltern den Blutzuckerspiegel ihrer Tochter ständig überwachen. Dies alles bedeutet eine enorme Belastung.

Die Fußballabteilung des 1. FC Brelingen hatte sich rund um die in der 1. Kreisklasse kickende erste Herrenmannschaft stark mit der Spendenaktion engagiert. Denn Matheas Vater Isaah ist ein ehemaliger Mitspieler. Ob durch den 1. FC, andere Vereine, die Stiftung für Menschen mit Behinderung in der Wedemark oder die Polizeidirektion Hannover, dem Arbeitgeber von Isaah Abubakari – die benötigten 20.000 Euro, die sich aus Ausbildungskosten und Anschaffung des Hundes ergeben, kamen zusammen.

Über die Jahre hat sich Dorothea Abubakari, nicht zuletzt durch zahlreiche Untersuchungen und Arztgespräche, viel medizinisches Wissen angeeignet. Daher kann sie erklären, welcher Vorgang sich im Körper ihre Tochter bei der seltenen Stoffwechselstörung abspielt – und wie der Hund diesen bemerkt. „Sobald die Unterzuckerung beginnt, wandelt der Körper Fette in sogenannte Ketone um und verbrennt sie“, erklärt Matheas Mutter. Dieser Mechanismus erfolgt, weil der Körper Alarm schlägt: Es ist nicht mehr genug Zucker vorhanden, er greift als Reserve auf Fette zurück, um das Gehirn und alle lebenswichtigen Organe weiterhin versorgen zu können. „Die Ketone sind bei dem Verbrennvorgang das Abfallprodukt. Sie haben einen süßlich-fruchtigen Geruch, fast so wie Ananas – und das riecht der Hund.“

Wenn Lucky das schafft, ist es damit aber noch nicht getan. Ein Hund, der Alarm schlägt – klar, der winselt oder bellt. Das Problem: Mathea hört ihn nicht. Sie ist taub. Das Mädchen trägt an der Hand einen großen Klingelknopf. Den muss der Welpe aktivieren. Wie clever er ist und wie fortschrittlich er lernt, zeigte sich zuletzt in der Praxis. Dorothea Abubakari berichtet von einem Spaziergang an einem kalten Tag. Mathea trug Handschuhe. Lucky war an ihrer Seite und bemerkte den Ausstoß der Ketone. „Ihm ist sofort aufgefallen, dass die Hand nicht frei war. Also hat er Mathea im Gesicht geschleckt, um Aufmerksamkeit zu erregen.“ Ob Assistenzhund oder „normaler“ Hund – nach der nötigen Belohnung lechzen alle Tiere, wenn sie das gemacht haben, was Frauchen oder Herrchen verlangen. „Lucky isst gern Leberwurst. Die bekommt er natürlich, wenn er sich richtig verhalten hat.“

Der Mischling ist also geeignet und erfüllt die Voraussetzung für die ständige Überwachung von Mathea – jetzt oder später ist es aber kein Rund-um-die-Uhr-Job. „Das ist ganz wichtig, dass er seine Ruhephasen bekommt, das hat man uns auch in der Hundeschule gesagt.“ Lucky geht vormittags nicht mit in den Kindergarten, er bleibt daheim und holt Schlaf nach. Der Kindergarten ist integrativ, dank eines Pflegedienstes ist für das Mädchen gesorgt.

Außerdem: Noch ist Lucky kein fertiger Diabetiker-Warnhund. Seine Grundausbildung erlernte er bei Humani, einer auf die Ausbildung von Assistenzhunden spezialisierten Hundeschule in Glandorf südlich von Osnabrück. Die Lehre als Fortgeschrittener geht nun weiter. „Es liegt noch ein Weg vor ihm, bis er zu 100 Prozent anschlägt, manchmal ist er auch launisch“, sagt Dorothea Abubakari, die weiterhin zwei Mal pro Nacht aufsteht, um den Blutzuckerspiegel ihrer Tochter zu kontrollieren. Perspektivisch wird sie irgendwann Lucky volles Vertrauen schenken können. „Eineinhalb Jahre kann es dauern. Dazu müssen wir weiter an den regelmäßigen Terminen einmal pro Monat in der Hundeschule teilnehmen. Wir haben auch Aufgaben erhalten, die wir mit ihm üben sollen.“

Mittelfristig ist also für die Familie Abubakari mit einer Entlastung zu rechnen, aber noch nicht für den Moment. In diesem Zusammenhang vielleicht ein gutes Omen: Der Welpe heißt mit vollem Name Nzo Lucky. Matheas Vater Isaah Abubakari stammt aus Ghana, Nzo bedeutet so viel wie „Mein Freund“. In Kürze kann also der Hund Freund und Helfer zugleich sein, um Mathea zu beschützen und die komplette Familie glücklich machen.

 

 

Autor / Quelle: STEPHAN HARTUNG
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