"Ich bin meinen Spielern total dankbar"

08.03.2018

Der 12. März ist bei Christian Neidhart schon seit längerem mit rot im Kalender angestrichen. Denn an diesem Tag möchte der Erfolgscoach des SV Meppen seine zehnmonatige Ausbildung zum Fußball-Lehrer abschließen und sich wieder ganz und gar auf seinen Verein konzentrieren. Im „Interview des Monats“ blickt der 49-Jährige aber nicht nur auf seine Zeit in Hennef zurück, sondern auch auf seine Spielerkarriere und die dramatische Aufstiegs-Relegation gegen Waldhof Mannheim.

 

Am Nikolaustag 1986, gut zwei Monate nach Ihrem 18. Geburtstag, wurden Sie in der Zweitligapartie zwischen Eintracht Braunschweig und St. Pauli zusammen mit Ronnie Worm in der 69. Minute eingewechselt. Erfüllte sich in diesem Moment ein Kindheitstraum?

 

Absolut, weil ich Braunschweiger Junge durch und durch bin. Zudem war ich schon immer Eintracht-Fan und habe von Kindesbeinen an viele Spiele besucht. Nicht nur im Stadion an der Hamburger Straße, sondern auch auswärts. Mit meinem Vater bin ich überall hingefahren. Und dann durfte ich als A-Jugendspieler zusammen mit der Braunschweiger Ikone Ronnie Worm im Jägermeister-Trikot auflaufen – darauf war ich total stolz. Für die Eintracht hätte ich auch umsonst gespielt. Wobei: Irgendwie traf das ja auch zu, denn ich hatte damals noch nicht mal einen Vertrag.

 

Bitte?

 

Ich wurde als A-Jugendlicher zur Profimannschaft hochgeholt, ohne dass aber eine vertragliche Regelung bestanden hätte. Aber das hat mich Nullkommanull gestört.

 

Bei diesem einen Spiel in der Profimannschaft ist es aber geblieben.

 

Ich wurde von den Trainern Reinders und Zobel überhaupt nicht wahrgenommen. Es zählten nur Niels und Olaf Schmäler, die Zwillinge, die mit mir aus der A-Jugend rausgekommen sind. Ich habe „oben“ trainiert, mir auf Deutsch gesagt den „Hintern“ aufgerissen, bekam aber keine Chance. Einmal hat Reinders zu einem Rundumschlag ausgeholt und mich kritisiert, obwohl ich gar nicht gespielt habe. Da habe ich endgültig gemerkt: Das läuft hier alles in die falsche Richtung, du musst hier weg.

 

Aber warum dann zu Wacker 04 Berlin?

 

Der Kontakt entstand über meinen Vater, der einen Geschäftsfreund in Berlin hatte. Wacker spielte wie die Eintracht in der Oberliga (damals die dritthöchste Spielklasse; d. Red.) und war in Berlin vorne mit dabei. Mir ging es zu diesem Zeitpunkt nicht um Verträge oder sonst irgendwas. Ich wollte einfach nur spielen. Ich bin zur Rückrunde gekommen, habe 14, 15 Tore geschossen und konnte zeigen, dass ich kicken kann. Leider haben wir die Aufstiegsrunde zur 2. Liga nicht geschafft. Hertha wurde Erster, wir Vierter. Dann kam das Angebot aus Osnabrück.

 

Wo Sie sich auf Anhieb zum Stammspieler entwickelten. In den beiden ersten Spielzeiten haben Sie jeweils über 30 Spiele absolviert, in ihrer dritten Saison, 1990/91, aber nur noch sechs. Was war der Grund?

Ich war zum Ende der Hinrunde verletzt gewesen, hatte Rückenprobleme. Für das letzte Spiel vor der Winterpause in Duisburg fehlten uns einige Spieler. Also kam der Trainer Rolf Grünther auf mich zu und sagte: „Christian, ich brauch dich am Wochenende.“ Meine Antwort war: „Trainer, ich war jetzt drei Monate verletzt und bin gerade erst wieder fit. Wir haben nur noch ein Spiel, dann ist Pause. Macht das Sinn, mich einzusetzen?“ Wahrscheinlich hatte er als Reaktion eher erwartet: „Klar Trainer, ich bin da und spiele.“ Aber ich wäre nicht in der Lage gewesen, in diesem Spiel richtig Gas zu geben. Nach der Winterpause hat Grünther mir dann eröffnet. „Ich plane nicht mehr mit dir, du kannst dir einen neuen Verein suchen.“ Dabei hatte ich meinen Vertrag gerade erst verlängert.

 

Wie haben Sie reagiert?

 

Mit der Erfahrung von heute hätte ich gesagt, okay, wer weiß wie lange der Trainer noch da ist, ich setz‘ mich erst einmal auf die Bank und warte ab. Aber ich war jung, 22, und habe mir gedacht: Wenn einer mit dir nichts anfangen kann, okay, dann gehst du eben. Also habe ich mich an Sachsen Leipzig ausleihen lassen. Dadurch war ich im Grunde einer der ersten Wessis, die im Osten gespielt haben.

 

Bei Osnabrück haben Sie mit Pele Wollitz und Ansgar Brinkmann zusammengespielt. Wer war der bessere Vorlagengeber?

 

Ich (lacht) ... weil ich außen gespielt habe und speziell auch Heikko Glöde von meinen Vorlagen profitiert hat. Pele hat ja viele Tore selbst gemacht.

 

War Ansgar Brinkmann schon damals der „weiße Brasilianer“?

 

Er war schon eine verrückte Nudel. Ich habe auf der rechten Seite meistens mit Ralf Heskamp gespielt, manchmal aber auch mit Ansgar. Von seinem Körperbau, seinem Tempo mit Ball und seinen generellen Fähigkeiten verfügte er über alles, was du als Fußballer brauchst. Der hätte normalerweise bei uns nichts zu suchen gehabt. Dies hat ja auch sein späterer Werdegang gezeigt.

 

Sie haben Leipzig angesprochen. Wie hat es Ihnen als Wessi dort in der Wendezeit gefallen?

 

An sich gut. Dies lag vor allem am Trainer. Durch Frank Engel habe ich eigentlich zum ersten Mal gemerkt, dass es im Trainerjob auch Menschlichkeit gibt. Die Art und Weise, wie er mit seinen Spielern umgegangen ist, das war super! Mit Sachsen habe ich noch das letzte Jahr DDR-Oberliga gespielt, wo es um die Qualifikation für die Plätze in der 1. und 2. Bundesliga ging. Diese haben wir leider verpasst. Zur neuen Saison wurden wir in die Oberliga Nordost eingestuft, 3. Liga. Nach ein paar Monaten bin ich zurück nach Osnabrück, blieb aber erst einmal ohne Verein.

 

Die nächste Station lautete Flensburg.

 

Der Spielermarkt war zu diesem Zeitpunkt total überfüllt. Die Mauer war auf, in Jugoslawien brach der Krieg aus und die Sowjetunion löste sich auf. So kamen auf einmal unheimlich viele Spieler nach Deutschland. Es ging gar nicht mehr um Qualität, sondern nur noch darum, ob ein Spieler billig ist. Bernd Hansen, mit dem ich in Osnabrück zusammengespielt hatte, ist damals zurück in seine Heimat nach Flensburg gegangen. Eines Tages rief er mich an: „Christian, wenn du noch keinen neuen Verein hast, dann halte dich doch bei 08 fit.“ Also habe ich mich mit meiner jetzigen Frau dazu entschieden, nach Flensburg in die 4. Liga zu gehen. Daraus sind fünf Jahre geworden.

 

Allerdings bedeutete Flensburg im Nachhinein Ihren Abschied von der Profikarriere.

 

An der Ostsee zu leben ist schön. Ich habe immer nur dort länger Fußball gespielt, wo ich mich auch wohlgefühlt habe. Das war für mich immer das Wichtigste, nicht die Liga.

 

Gab es nie Angebote von höherklassigen Vereinen?

 

Ich habe in Flensburg Tore am Fließband geschossen, so dass es immer wieder Anfragen gab. Natürlich habe ich mich in diesen Momenten gefragt: Willst du noch einmal höherklassig angreifen oder auf diesem Niveau bleiben? Aber irgendwie war nichts dabei, bei dem ich mir gesagt habe, das musst du jetzt unbedingt machen. Ich habe in einem Sportgeschäft gearbeitet, unser Sohn Nico ist in Flensburg geboren und wir haben uns wohlgefühlt.

 

1996 wechselten Sie aber doch von der Küste ins Oldenburger Münsterland nach Cloppenburg.

 

Maxe Steinbach, der auch Trainer bei Flensburg 08 war, übernahm den BVC und hat mich überredet, mitzukommen. In Cloppenburg habe ich dann meinen Lebensmittelpunkt gefunden. Dort wohne ich heute noch.

 

Ihre Zeit beim BVC wurde 1998 für ein paar Monate unterbrochen, als Sie nach China wechselten. Damals ein recht ungewöhnlicher Schritt.

 

Ich war im Prinzip im Osten ein Pionier und in China auch. Gespielt habe ich in Chengdu, einer Stadt mit 14 Millionen Einwohnern. Wir waren drei deutsche Trainer und Spieler, die alle zusammen im Hotel gewohnt haben. Als wir in der Vorbereitung in unser Trainingslager nach Kunning geflogen sind, hat sich nach der Ankunft herausgestellt, dass alle übrigen elf Teams der ersten chinesischen Liga auch in diesem Camp untergebracht waren. Und das über mehrere Wochen. Jeden Morgen mussten wir um sechs Uhr antreten wie vor einer Kaserne. Die Unterkünfte für uns Europäer waren noch einigermaßen, doch die chinesischen Spieler lebten in Behausungen, die unterste Schublade waren. Die Trainingsklamotten wurden nicht gewaschen und so weiter. Doch das Schlimmste war die Fliegerei. Ich fliege nicht so gerne und wir sind halt zu jedem Spiel geflogen. In Maschinen, in die man nicht so gerne einsteigt.

 

Wurden Sie dafür wenigstens fürstlich entlohnt, wie das heute in China der Fall ist?

 

Finanziell war es sehr gut. Wir haben unser Gehalt immer drei Monate im Voraus bekommen – in Dollar. Aber irgendwann sind wir bei einem Flug mal wieder in Turbulenzen gekommen und da habe ich zu Recardo Egel, einem meiner deutschen Mitspieler, gesagt: „Recardo, wenn wir jetzt hier heil runter kommen, dann suche ich mir die nächste Maschine nach Deutschland und ihr könnt mich alle mal.“ Nach der Landung habe ich mir dann ein Ticket nach Hongkong gekauft und von dort ging es über Frankfurt nach Hause. Alles, was ich hatte, habe ich im Hotel gelassen.

 

Konnten Sie denn einfach so aus Ihrem Vertrag raus?

 

Ich hatte eine Ausstiegsklausel, dass ich jederzeit gehen kann. Geld ist nicht alles im Leben. Wie gesagt, ich muss mich wohlfühlen. Also habe ich das Ganze nach einem halben Jahr von heute auf morgen komplett beendet. Ich hatte zuvor bei Sprehe-Feinkost angefangen zu arbeiten. Albert (Sprehe; d. R.) stand voll hinter meinem China-Engagement und es war überhaupt kein Problem, dass ich nach der Rückkehr meinen Arbeitsplatz wieder eingenommen habe. 

 

Sie sind im Dezember zum zweiten Mal Großvater geworden. Eltern sind Ihre Tochter Kimberly und Ihr Spieler Max Kremer. War dieses Verhältnis am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig für Sie?

 

Eigentlich nicht. Die beiden kennen sich ja schon seit dem Zeitpunkt, als ich Max von Rostock nach Wilhelmshaven (Trainer von 2011-2013; d. Red.) geholt habe. Ein Paar sind sie erst in der Meppener Zeit geworden. Am Anfang haben die beiden ihre Beziehung erst einmal geheim gehalten, weil Max logischerweise auch so ein bisschen Respekt vor der Sache hatte. Aber meine Frau und ich haben das total entspannt gesehen. Ich weiß, dass es für Max nicht immer einfach ist, weil der Aspekt der Bevorzugung aufkommen kann, wenn ich ihn aufstelle. Doch Gott sei Dank war das nie ein Thema, weil Max hier vom ersten Moment an seine Tore geschossen hat.

 

Wie haben Sie von der Beziehung erfahren?

 

Aus dem Sternbusch (Cloppenburger Vorort, in dem Neidhart wohnt; d. Red.) führen Schleichwege heraus, auf denen mir meine Tochter auf einmal immer entgegengekommen ist, wenn ich morgens nach Meppen gefahren bin. Wenn ich sie dann gefragt habe, wo kommst du denn jetzt her, hieß es: „Ich war bei einer Freundin.“ Irgendwann haben meine Frau und ich etwas geahnt – auch, dass nur Max dahinter stecken konnte. Der kam dann eines Tages zu mir und sagte: „Wir müssen reden.“ Das Ganze war für mich aber völlig in Ordnung. Das müssen die beiden für sich selbst entscheiden, da kannst du dich nicht einmischen. Zumal ich glaube, dass sie auch gut zusammen passen.

 

Max Kremer spielt ebenso wie Martin Wagner jetzt bereits seit 2013 in Meppen. Zudem stehen in der Elf mit Jannik Jesgarzweski oder Thilo Leugers mehrere gebürtige Emsländer. Sehen Sie in dieser Zusammensetzung einen wesentlichen Schlüssel für den Erfolg der vergangenen und jetzigen Saison?

 

Thorben Deters nicht zu vergessen oder Mirco Born, der im Sommer in die 2. Liga gegangen ist. Auch sie sind Emsländer. Hinzu kommen, Sie haben es angesprochen, Spieler, die jetzt schon in der fünften Saison hier sind. Das ist schon ausschlaggebend. Auch deswegen, weil die Fans merken, dass hier keine Söldnertruppe spielt, sondern dass das der SV Meppen wirklich zum Anfassen ist. Gegenüber der Regionalliga hat sich vieles enorm verändert. Der Aufwand, die Bedingungen. Aber die Jungs sind weitestgehend dieselben geblieben – das ist wichtig.

 

Werfen wir noch einmal einen Blick zurück auf die Aufstiegssaison. In der Spielzeit 2015/16 war der SV Meppen Fünfter und hat sich dann entschieden, den Etat zu kürzen und auf Feierabendfußball umzustellen. Und ausgerechnet in der darauf folgenden Spielzeit ist Ihre Truppe durch die Decke geschossen und mit 13 Punkten Vorsprung auf den Zweiten und gar 24 auf den Dritten Meister geworden. Was ist da passiert?

 

Wir sind Fünfter geworden, obwohl wir über die ganze Saison hinweg zehn, elf Verletzte hatten. Gegen Hildesheim fehlte zum Beispiel die komplette erste Elf. Angesichts dieser Umstände haben wir eine gute Serie gespielt. Dennoch hatten wir hier viel Theater, weil alles nur negativ gesehen wurde ...

 

... Vereinskenner sprechen davon, dass eine Stimmung wie bei einem Absteiger geherrscht hat ...

 

... dem stimme ich zu. Mario (Neumann, der Co-Trainer; d. Red) und ich haben uns dann schon relativ früh in der Rückrunde Gedanken gemacht, wie wir die Mannschaft verändern können. Einer der wesentlichen Schlüsse war, dass wir auf den Außenbahnen mehr Tempo brauchen. Denn dadurch machst du in der Regionalliga den Unterschied. Mirco Born, der davor keine gute Saison hatte, war dann wie ein Neuzugang für uns und hat eine überragende Serie gespielt. Von Wehen  Wiesbaden kam Marius Kleinsorge, so dass wir mit den beiden auf den Flügeln richtig viel Tempo hatten. Zudem haben wir mit Benny Girth einen Torjäger von Hessen Kassel bekommen und für die Sechser-Position Thilo Leugers. Als alle ihre Verträge unterschrieben hatten, keimte bei mir schon das Gefühl auf, dass wir eine gute Rolle spielen werden. Trotz der Umstellung auf Arbeit.

 

Wie sah diese Umstellung konkret aus?

 

Martin Wagner hat eine Ausbildung angefangen, Thilo Leugers und David Vrzogic auch. Max Kremer und Thorben Deters waren schon dabei. Über 70 Prozent meiner Spieler waren Studenten, Schüler oder Auszubildende. Unsere Sponsoren haben super mitgespielt, so dass die Jungs trainingstechnisch auch ihre Freiheiten hatten. Ab dem 1. Vorbereitungsspiel gegen den Champions League-Teilnehmer Schachtar Donezk haben wir gemerkt: Es läuft, da wächst was zusammen. Zum Start haben wir dann neun Spiele am Stück gewonnen. Ab diesem Zeitpunkt war uns klar: Dass kann ein Selbstläufer werden.

 

Sind Sie abergläubisch?

Gewisse Macken habe ich schon. Wieso fragen Sie?

 

Nach dem Elfmeterschießen in der Relegation gegen Waldhof Mannheim haben Sie im Fernsehen erklärt, Sie waren sich sicher zu gewinnen, weil auf das andere Tor geschossen wurde, als 2015 im Finale um den Krombacher Niedersachsenpokal gegen den VfL Osnabrück. Damals hatten sie verloren.

 

Durch einen Schuss von Martin Wagner, der von der Unterkante der Latte nicht nur nach meiner Ansicht hinter die Linie gesprungen ist. Doch der Assistent hat anders entschieden. Die proppevolle Mannheimer Fankurve, davor das starke Polizeiaufgebot – diese Bilder haben mich sehr an das Osnabrück-Spiel erinnert. Und deshalb habe ich vor dem Elfmeterschießen nur gehofft: Lass uns bitte das andere Tor kriegen. Der Linienrichter hat sich damals von der Szenerie ablenken oder beeinflussen lassen. Meine Gedanken waren: Vielleicht passiert ja ähnliches jetzt zu unseren Gunsten, weil wir es diesmal sind, die vor ihren eigenen Fans schießen.

 

Es war Ihre Mannschaft, die als erste einen Elfer verschoss. Wie war es in diesem Moment um Ihre Zuversicht bestellt?

 

Ich war mir dennoch total sicher, dass wir das Ding gewinnen. Weil einfach vieles gegen oder gerade deswegen für uns gesprochen hat. Das fing schon damit an, dass jeder der anderen Relegationsteilnehmer gegen Meppen spielen wollte, weil wir vermeintlich der leichteste Gegner sind. Dann der Mittelfußbruch von Benny Girth kurz vor den beiden Spielen. Es folgte die rote Karte von Martin Wagner in Mannheim, wodurch wir die komplette zweite Hälfte in Unterzahl gespielt und dennoch ein 0:0 erzielt haben. Irgendwie sprach alles gegen uns, aber genau darin habe ich unsere Chance gesehen.

 

Wie groß war der Druck vor dem Rückspiel in der heimischen Hänsch-Arena?

 

Vor dem Spiel sind Mario und ich mit dem Auto noch ein bisschen durch die Stadt gefahren und haben nur gedacht: Satan, was ist hier denn los? Überall Fans und beste Stimmung. Wir waren total locker und haben diese Atmosphäre einfach nur genossen. Wir sagten uns: Wir haben in dieser Saison bereits etwas geschafft und sind Meister geworden. Darauf können wir stolz sein. Dass man als Meister nicht automatisch aufsteigt, dafür können wir nichts. Aber die Jungs können sich heute hier ein Denkmal bauen.

 

War dies das bisher nervenaufreibendste Spiel Ihrer Trainerkarriere?

 

Ja, das kann man schon so deutlich sagen. Das Mannheim-Spiel mit dem Elfmeterschießen ist nicht zu toppen. Das ganze Thema fing ja schon in der Winterpause an. Wolfgang Gersmann, unser ehemaliger Präsident, hat auf der Mitgliederversammlung einen Zeitungsartikel rausgeholt und daran erinnert: „Genau vor 30 Jahren sind wir in Erkenschwick in die 2. Liga aufgestiegen und genau nach 30 Jahren können wir jetzt wieder den Sprung in den Profifußball schaffen.“ Und irgendwann denkst du dir: Es soll so kommen und deshalb wird es so kommen.

 

So großartig die Situation für den Sieger ist, so brutal ist sie für den Verlierer, da er trotz Meisterschaft mit leeren Händen dasteht. Haben Sie eine Idee, wie man den Übergang zwischen 3. Liga und Region anders gestalten könnte?

 

Zwei einfache Aufstiegsrunden mit jeweils drei Teams, von denen aus jeder Gruppe zwei aufsteigen. So gehen vier hoch und nur zwei bleiben übrig. Wobei ich an dieser Stelle auch sagen möchte: Die Voraussetzungen sind vor der Saison für alle gleich. Jeder weiß, wenn du Meister wirst, musst du noch Aufstiegsspiele bestreiten. Und wenn es dann soweit ist, regt sich jeder über den Modus auf. Wir haben das nie getan. Denn vor der Saison hätten wir die Möglichkeit, diese beiden Spiele bestreiten zu dürfen, sofort unterschrieben.

 

Nach 24 Spielen stehen in der jetzigen Saison für den SV Meppen bereits 35 Punkte zu Buche. Der Vorsprung auf die Abstiegszone beträgt bei einem Spiel weniger 13 Punkte. Sie sind also voll im Soll.

 

Ja, auch wenn wir noch zwei Siege benötigen, um über die Marke von 40 Zählern zu kommen. Was die Mannschaft bisher geleistet hat, das ist schon fantastisch. Zumal vor dem Hintergrund, dass wir noch immer keine komplette Profimannschaft sind. Alle Jungs, die bei uns in der Ausbildung sind, haben weitergemacht. Gut die Hälfte des Teams übt noch eine Nebentätigkeit aus. Für uns ist wichtig, dieses Jahr in der 3. Liga zu überleben. Damit sich die Strukturen verändern und wir uns als Verein besser aufstellen können. Es ist ein Riesenglück, dass Stadt und Landkreis so toll mitmachen und sofort großzügige Mittel zur Verfügung gestellt haben, damit wir in das Stadion investieren können. Nehmen Sie den Neubau der Nordtribüne. Wenn man zudem berücksichtigt, dass unser Etat zu den kleinsten der 3. Liga zählt, dann haben wir derzeit das Optimum einfach rausgeholt. Ich bin der Mannschaft total dankbar, dass es bisher so gelaufen ist. Die Doppelbelastung durch meine parallel verlaufende Ausbildung zum Fußball-Lehrer ist jetzt schon stressig. Aber wenn der Saisonverlauf ein anderer gewesen wäre, dann wäre es brutal stressig geworden.

Die Vergangenheit hat nicht wenige Beispiele gezeigt, in denen es bei Vereinen nicht so rund lief, wenn der Cheftrainer unter der Woche nicht da war. In Meppen ist dies nicht der Fall. Sicherlich vor allem ein Verdienst von Mario Neumann.

 

Mario und ich kennen uns inzwischen seit über 20 Jahren und haben ein total loyales und freundschaftliches Verhältnis zueinander. Bei ihm weiß ich einfach, dass es vernünftig läuft, wenn ich nicht da bin. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft wir in der Anfangsphase am Tag telefoniert haben. Vor jeder Einheit, nach jeder Einheit. Manchmal ist er schon gar nicht mehr rangegangen, weil ich ihn schon fünf Mal vorher genervt hatte (lacht) ... Wir sind dann alles durchgegangen und er hat es „1:1“ umgesetzt. Wobei ich nicht jeden Inhalt vorgebe. Er kann gerne kreativ sein und selbstständig arbeiten.

 

Sie haben die Loyalität angesprochen, die wahrscheinlich der wichtigste Eckpfeiler in dieser Konstellation ist.

 

Ich weiß nicht, wie es gelaufen wäre, wenn hier ein Wildfremder gesessen hätte, der vielleicht die Gunst der Stunde hätte nutzen wollen, wenn der „Alte“ nicht da ist. Aber ich wusste, dass es funktioniert. Mario und ich waren uns von Anfang an einig, wie wir vorgehen. Und so haben wir es dann auch gemacht.

 

„Das Osnabrück-Spiel liegt

zwischen zwei Klausuren“

 

Wie sieht eine normale Woche an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Hennef aus?

Sonntagabends ist immer Anreise. Am Montag geht es dann von acht bis acht. Der Dienstag ist ähnlich, am Mittwoch ist um 18.30 Uhr ist Schluss. Danach fahre ich nach Hause und bin am Donnerstag und Freitag in Meppen bei meiner Mannschaft, ehe am Samstag in der Regel gespielt wird. Zwischendurch muss ich aber immer wieder lernen, was mit knapp 50 gar nicht so einfach ist. Das letzte Mal, das ich für eine Prüfung gelernt habe, war für meinen Motorradführerschein. Und den habe ich vor langer, langer Zeit gemacht.

 

Dieser Montag-Mittwoch-Zyklus. Wie oft wiederholt er sich im Jahr?

 

Wir haben 22 Wochen Präsenzausbildung. Hinzu kommen sechs Wochen Selbststudium und ein Praktikum. Dies umfasst zwölf Wochen, die sich aufs Ausbildungsjahr verteilen. Zum Glück durfte ich das Praktikum beim SV Meppen machen, so dass ich im Januar die Vorbereitung auf die Rückrunde leiten konnte. Anders wäre es glaube ich auch gar nicht gegangen. Wie willst du sonst noch deinen Job machen?

 

Wenn Sie am Wochenende gespielt haben und sitzen dann am Montag in Hennef wieder auf der Schulbank: Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen, das letzte Spiel aus dem Hinterkopf zu verdrängen und sich vollends auf den Unterrichtsstoff zu konzentrieren?

 

Du kannst das gar nicht komplett ausschalten. Es gab Phasen, in denen ich mit Meppen englische Wochen hatte. Wir haben am Samstag in Münster gespielt, verloren, und vier Tage später ging’s zu Hause weiter gegen Magdeburg. Zwischendurch musste ich aber nach Hennef. Es ist ja nicht so, dass die HWA (Hennes-Weisweiler-Akademie; d. Red.) in solchen Fällen sagt, okay, bleib mal lieber zu Hause. Du darfst 20 Prozent Fehlzeiten haben.

 

Und wieviel haben Sie?

Wenn du drüber bist, wirst du angesprochen. Das ist bisher noch nicht geschehen.

In welchem Bereich können Sie als gestandener Trainer sagen, Mensch, da habe ich noch richtig was dazugelernt?

In vielen Bereichen. Zum Beispiel, wie man sich als Trainer organisiert. Vom Aufbau und von den Inhalten der Ausbildung kann ich mir nicht vorstellen, dass es irgendwo eine bessere gibt. Das ist schon überragend, was Frank Wormuth (DFB-Chefausbilder; d. Red.) und sein Team da anbieten. Wir sind den Fußball von ganz klein bis ganz groß noch einmal komplett durchgegangen. Bei allen Sachen, die du machst, wirst du gefilmt und dein Verhalten analysiert. Von den Ausbildern, aber auch von den Jungs (meint seine Kommilitonen; d. Red.). Man nimmt schon sehr viel mit aus diesen zehn Monaten.

 

Was waren Ihre Lieblingsfächer?

 

Da gab es keine (lacht) ... Nein, im Ernst: Den Fachbereich Psychologie fand ich richtig gut. Da waren viele Sachen dabei, wo ich mir gesagt habe, okay, es gibt jetzt dafür gewisse Fachausdrücke, aber instinktiv hast du sie auch schon in der Praxis angewendet.

 

Sie haben im Juni mit der Ausbildung begonnen und sind inzwischen auf der Zielgeraden. Wann stehen die Klausuren an?

 

Ende Februar schreiben wir Fußball- und Ernährungslehre. Montag vor dem Osnabrück-Spiel (6. März; d. Red.) steht dann Physiologie auf dem Programm und am Mittwoch Psychologie. Das Derby liegt also genau zwischen zwei Klausuren. Für den 12. März sind die mündliche Prüfung und die Praxiseinheit vorgesehen. Danach bin ich hoffentlich fertig.

 

Sie werden im Oktober 50. Seit dem Film „Das beste kommt zum Schluss“ aus dem Jahr 2007 mit Jack Nicholson und Morgan Freeman ist der Begriff der „Bucket-List“ in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen. Also eine Liste mit Dingen, die man in seinem Leben unbedingt noch machen möchte. Was würde bei Ihnen drauf stehen?

 

Ich hoffe, dass ich mit 50 meinen Fußball-Lehrer habe. Das wäre noch einmal so ein Meilenstein in meinem Leben. Weil ich nie damit gerechnet habe, dass ich den irgendwann noch einmal machen darf. Durch den Aufstieg in die 3. Liga bin ich aber in den Kurs gerutscht. Ich bin sehr froh, dass ich diese Chance bekommen habe. Weil ich, wenn ich bestehe, dann jede Mannschaft trainieren darf. Egal, in welcher Liga, egal, ob im In- oder Ausland. Im Fußball entstehen immer wieder Situationen, in denen dich die eine oder andere Anfrage erreicht. Du dich mit ihr aber nicht beschäftigst, weil die passende Lizenz fehlt. Darüber brauche ich mir dann keine Gedanken mehr machen.      

Autor / Quelle: Manfred Finger
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