Fotos: Deppe; imago images

2006: Polen bei der WM zu Gast in Barsinghausen

15.09.2021

Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des NFV blicken wir in den kommenden Tagen und Wochen auf die wichtigsten Ereignisse aus der Geschichte unseres Verbandes zurück - heute mit einer Geschichte von NFV-Pressesprecher Manfred Finger aus dem Jahr 2006, die unter dem Titel "Ein Jäger in der Schusslinie" in der Juli-Ausgabe des NFV-Journals erschien und den damaligen Aufenthalt der polnischen Nationalmannschaft im Sporthotel Fuchsbachtal während der Fußball-Weltmeisterschaft näher beleuchtete.

Nein, ein Mann für die Öffentlichkeit ist er nicht. Erst recht nicht in den Tagen von Barsinghausen, die sicherlich zu den schwersten im Fußballerleben des Pawel Janas zählen. Als Polens Nationalcoach drei Tage nach der 0:1-Niederlage gegen Deutschland und dem daraus resultierenden Aus in der Vorrunde von der Pressekonferenz kommt, trifft er auf dem Parkplatz vor dem Zechensaal in Barsinghausen auf eine kleine Gruppe junger Landsleute. Dem Wunsch nach einem gemeinsamen Foto kommt Janas zwar nach, doch das gequälte Lächeln und die steife, eher abweisende Körperhaltung lassen nur auf einen Gedankengang schließen: Bloß schnell weg von hier!

Also bleibt der 53-Jährige kurz stehen, doch bevor die Fans erwägen könnten, ihren Trainer anzusprechen, sitzt dieser bereits im Auto, das von Verbandspressesprecher Michal Olszanski gefahren wird und Janas an den einzigen Ort bringt, an dem er sich zu Zeiten der WM wohl zu fühlen scheint: dem Sporthotel Fuchsbachtal. Dieses liegt am Ende einer Straße, die einen Berg hinaufführt und vermittelt während des Aufenthaltes der Polen nicht nur wegen der einsamen, erhöhten Lage den Eindruck einer Burg. Metallgitter und Sicherheitspersonal schirmen das WM-Quartier weiträumig ab, machen es zu einer Festung.

Es ist muss wohl diese stille Einsamkeit gewesen sein, die Janas zugesagt hat, als er im Dezember 2005 auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft erstmals im Sporthotel zu Gast war und spontan Gefallen an dem ehemaligen Verbandsheim des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV) fand. Denn auch sein eigenes Heim in der Nähe von Wronki liegt am Waldesrand, Nachbarn gibt es keine. Wer ihn dort besucht, lernt einen herzlichen, witzigen und diskussionsfreudigen Menschen kennen - und damit exakt das Gegenteil jenes Pawel Janas von Barsinghausen.

Denn während seines Aufenthaltes am Deister erweckte er den Eindruck eines mürrischen und humorlosen Mannes, der bei den Pressekonferenzen im Zechensaal von Barsinghausen zumeist schlecht gelaunt in die Runde blickte. Und wenn er dann doch mal lächelte, so Ralf Wiegand von der Süddeutschen Zeitung, wirkte dies, als bekomme er gleich eine Kolik.

"Ich bin nicht das Maskottchen der Medien. Was soll ich da schon erzählen?", hat Janas einmal die Einsilbigkeit seiner Antworten erklärt. Während den Pressekonferenzen in Barsinghausen brauchte man der polnischen Sprache nicht mächtig sein, um zu erahnen, dass Janas und die polnischen Journalisten alles andere verbindet als gegenseitige Wertschätzung. Mimik, Gestik, zuweilen auch Lautstärke, auf beiden Seiten sprachen für sich. Die Veröffentlichungen in der Heimat taten ein Übriges. "Team und Trainer hätten konstruktive Kritik begrüßt. Aber in vielen Beiträgen ging es nur darum, die eigene Mannschaft zu vernichten", übersetzte hierzu David Pantak, der die polnische Auswahl während der WM als FIFA-Begleitperson betreute.

Mal wurde die Janas-Elf als "Dorftruppe" bezeichnet, mal mit einem Mädchen-Internat verglichen, wozu der Trainer in einem Rock abgebildet wurde. Besonders heftig fiel die Reaktion in den polnischen Gazetten nach der 0:2-Auftaktniederlage in Gelsenkirchen gegen Ecuador aus. Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet neben der Leistung der Mannschaft vor allem das Verhalten des Trainers, der sich zwar nach dem Spiel den Journalisten stellte, sich der Öffentlichkeit aber anschließend zwei Tage verweigerte.

"Das wäre so, als wenn Deutschland gegen Ecuador verliert und am anderen Tag sitzen statt Klinsmann Roberto Blanco und Gitte vor der Presse", kommentierte Oliver Knaack die Szenerie im Zechensaal am Samstag nach der Niederlage. Zusammen mit seinen Kollegen Michael Richter (kicker-sportmagazin) und Michael Rossmann (dpa) gehörte der Redakteur von Berlins auflagenstärkster Zeitung, der im Springer-Verlag herausgegebenen B.Z., zu jenen deutschen Journalisten, die während der WM von ihren Häusern als Polen-Berichterstatter eingesetzt wurden.

Wie fast jeden Tag begann auch diese Pressekonferenz um 14 Uhr, doch statt Janas betraten die beiden Alt-Internationalen Andrzej Szarmach (1974 mit Polen WM-Dritter), Wlodzimierz Smolarek (zweifacher WM-Teilnehmer und Vater von Ebi) sowie Wojtek Gasowski und Olaf Lubaszenko das Podium. Der eine ist Schauspieler und durfte sich über eine kleine Rolle in "Schindlers Liste" freuen, der andere Sänger. Die beiden Künstler weilten auf Einladung des polnischen Fußballverbandes im Quartier und sollten dort für gute Laune sorgen. "Ich glaube seine Band hieß Test oder so", legt die Aussage von Michal Olszanski den Schluss nahe, dass Gasowski ähnlich wie Roberto Blanco seine besten Tage schon hinter sich zu haben scheint.

Für Olszanski selbst trifft dies keineswegs zu. Der große, stattliche Mann hat eine eigene Sendung im zweiten polnischen Fernsehen und ergänzte während der WM das Presseteam des Verbandes. Im schwarzen Nadelstreifenanzug präsentierte er die Mannschaft beim öffentlichen Training vor 3.000 Zuschauern im August-Wenzel-Stadion und führte ebenso gekonnt durch die täglichen Pressekonferenzen. Zum Bedauern jener Journalisten, die der polnischen Sprache nicht mächtig sind, wandte er sein perfektes Englisch aber zu selten an. So blieb für die kleine Schar "ausländischer" Journalisten vieles, vor allem in den lebhaften Auseinandersetzungen mit dem Trainer, im Verborgenen.

Pawel Janas dürfte dies nur recht gewesen sein, reichten ihm doch schon die Scharmützel mit der heimischen Presse. Bereits vor dem Turnier war er, der leidenschaftliche Jäger, selbst in der Schusslinie geraten. Mit Kreativität und Offensivgeist hatte sein Team in der WM-Qualifikation 27 Tore geschossen und damit acht von zehn Spielen gewonnen. Doch je näher das Turnier in Deutschland rückte, desto heftiger sank die Formkurve. Die Testspiele gegen die USA in Kaiserslautern und zu Hause gegen Litauen gingen verloren (beide 0:1). Und als Janas dann noch bei der Benennung seines WM-Aufgebotes auf zwei Leitfiguren verzichtete, hatte er seinen Kredit nahezu aufgebraucht. Denn mit Tomasz Frankowski ließ er den mit sieben Treffern besten Schützen in der WM-Qualifikation ebenso zu Hause wie den bei Fans und Medien gleichermaßen beliebten Kult-Keeper Jerzy Dudek, Held des Champions-League-Finales 2005.

"Diese Fragen sind mein Albtraum", gestand Janas nach dem 1:0-Testspielsieg über Kroatien in Wolfsburg. Sechs Tage vor dem Auftakt gegen Ecuador hatte sich einmal mehr alles darum gedreht, wer denn nun bei der WM im Tor stehen würde. Artur Boruc oder Tomasz Kuszczak? Beide hatten zuvor gepatzt, Boruc gegen die USA und Kuszczak im letzten Test auf heimischen Boden gegen Kolumbien (1:2), als er wenige Stunden vor dem Abflug nach Hannover von seinem Torwartkollegen aus über 100 Meter per Abschlag bezwungen wurde. Seitdem deutete einiges auf Boruc hin, doch Janas verweigerte diesbezüglich weiterhin eine Aussage und schürte damit selbst immer wieder das mediale Feuer.

In Barsinghausen verstimmte der Mann mit der streng gescheitelten Frisur, dessen Augen unter buschigen Brauen liegen und sich bei jeder Frage zumeist skeptisch zusammenziehen, aber auch den eigenen Verband und dessen Vermarktungsagentur sportfive. In Salzgitter sollte das Nationalteam auf eine regionale Auswahl treffen. 2.000 Karten sowie teure Werbeminuten im polnischen Fernsehen, das eine Live-Übertragung geplant hatte, waren bereits verkauft, als Janas die öffentliche Austragung der Partie kurzerhand platzen ließ. Stattdessen reisten die Amateurkicker ins Trainingscamp nach Barsinghausen, wo sie vor leerer Kulisse im August-Wenzel-Stadion über 2 mal 30 Minuten mit 0:12 unterlagen.

"Es tut uns leid, aber wir müssen die Entscheidung des Trainers respektieren. Aber ich verspreche euch, dass wir irgendwann nach Salzgitter kommen werden", begrüßte Michal Listkiewicz die Mannschaft anschließend im Sporthotel. Auf Einladung des polnischen Verbandspräsidenten speiste die aus den Vereinen Fortuna Lebenstedt, TSV Hallendorf, SC Gitter, Borussia Salzgitter, VfL Salder und Glück auf Gebhardshagen bestehende Auswahl mit Offiziellen der polnischen Delegation.

Listkiewicz, ein 53-jähriger Sprachwissenschaftler und ehemaliger FIFA-Schiedsrichter, führt seit 1999 den Verband. In ihm hat Pawel Janas seinen wohl größten Fürsprecher. "Der Trainer ist unser bester Spieler", erklärte Listkiewicz im Februar im "Interview des Monats" gegenüber dem Fußball-Journal Niedersachsen nicht ohne Genugtuung (Ausgabe 2/2006). Schließlich war er es gewesen, der nach der verkorksten WM 2002 Janas gegen zahlreichen Widerstand verpflichtet hatte.

Der 53-fache Nationalspieler, der 1982 mit Polen WM-Dritter wurde und später in Frankreich zum besten ausländischen Profi gewählt wurde, zahlte das Vertrauen zurück. Hinter England qualifizierten sich die "Bialo-Czerwoni", wie das Team auf Grund der bevorzugten weiß-roten Spielkleidung genannt wird, souverän für die WM-Endrunde und auch die Gesamtbilanz liest sich gut. Von 50 Spielen unter der Regie von Pawel Janas gingen nur 14 verloren. Ob es noch weitere Partien werden oder ob das dritte WM-Spiel gegen Costa Rica (2:1) zugleich sein letztes war, soll sich am 14. Juli entscheiden.

Bis dahin wird Pawel Janas noch mal nach Deutschland zurückkehren. "Ich werde in Polen nur ein paar Tage verbringen und dann die restlichen Spiele der Weltmeisterschaft von der Tribüne aus verfolgen. Erst danach fahre ich mit meiner Familie in den Urlaub", erklärte der Coach in Barsinghausen. Vielleicht lernen die Menschen, die ihm begegnen, ja dann auch das andere Gesicht des Pawel Janas kennen.

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